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Maurice Steger

Gesichter der Großstadt

Vom Bild des reinen Virtuosen ist der Blockflötist Maurice Steger ganz schön genervt. Denn seine Musik ist so unverwechselbar wie ein Gesicht. Dass er als Schweizer ein besonderes Gespür für nationale Eigenheiten und Sprachmelodien hat, davon konnte sich Carsten Niemann überzeugen.

Keine Frage: Maurice Steger ist ein Mensch, der sich lebhaft für seine Umwelt interessiert. Begrüßung und lautes Entzücken über die Weite und Italianità des »Ristorante Sale e Tabacchi« in Berlin Kreuzberg sind eins. Wenig später beugt er sich schon mit aufgestützten Armen vertrauensvoll über den Cafétisch, und dann muss erst einmal der Interviewer ein paar Fragen beantworten. Beim Latte macchiato darf dann aber doch ein nicht anwesender Herr ausgiebig zum Zuge kommen: Giuseppe Sammartini. Dem in Mailand geborenen Komponisten und Oboenvirtuosen, der Anfang des 18. Jahrhunderts in London sein Glück zu machen suchte, hat Maurice Steger schließlich sein neuestes Album gewidmet. Und schnell ahnt man, warum seine Liebe ausgerechnet auf diesen wenig bekannten Italiener gefallen ist.
»Jeder klebt ja so ein bisschen an seinem Ding«, erzählt der 1971 in Winterthur geborene Blockflötist. Bei ihm selbst sei es das Etikett des Virtuosen: »Dann kam Maurice Steger, und er spielte perfekt« und in einem »atemberaubenden Tempo«, ahmt er, nicht wenig genervt, den hyperventilierenden Begeisterungston oberflächlicher Kritik nach. Und fügt ganz sachlich hinzu: »Ich weiß, ich kann alles spielen. Ich muss auch so gut spielen, wie ich kann. Aber es muss noch ganz viel dahinter kommen.« Um diese zweite, tiefere musikalische Virtuosität offensiv hervorzukehren, dafür ist Giuseppe Sammartini wirklich der richtige Mann. Denn seiner schillernden musikalischen Persönlichkeit ist weder mit bloßer Technik noch mit einer einmal bewährten interpretatorischen Masche beizukommen.
»Im Unterschied zu Vivaldi hatte Sammartini keinen ausgeprägten Personalstil«, erklärt der Flötist die Besonderheit des Komponisten. Genau das mache ihn aber auch so spannend: »Er war von seinem Vater her französisch geprägt, wuchs in Italien auf und wurde dann als großer Virtuose in die Welt geschickt.« In London sei Sammartini dann nochmals auf eine ausgesprochen kosmopolitische Kultur gestoßen. »Gehen Sie mal für ein Jahr nach London: Dann werden Sie gedanklich und emotional davon beeinflusst«, sagt Steger. In lebhaften Worten malt er das Bild Sammartinis in der englischen Hauptstadt, wie er sich zwischen aufstrebenden Musikern aus ganz Europa profiliert, in Händels Orchester spielt, die konservativ-traditionsbewusste Seite des englischen Geschmacks genauso studiert und verarbeitet wie die aktuellen Moden der Weltstadt. »Dass er sich verbessert und verändert und dem Geschmack der Zeit angepasst hat, ist ein Zeichen für mich, dass da jemand sehr aktiv im Leben gestanden hat – und das war bei Vivaldi so nicht der Fall.«
Um den Weltbürger Sammartini verstehen zu können, müsse man nicht nur die historischen Quellen studieren, findet Steger, sondern auch beobachten können. Für unterschiedliche Nationalstile und die Nuancen ihrer Mischungen hat der Schweizer ein besonders feines Ohr. Während Steger über das komplizierte Verhältnis zwischen Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen sinniert, beginnt er immer wieder, mit den Sprachmelodien zu spielen, ahmt Tonfälle und Gesten nach – um urplötzlich eine Melodie zu singen, ausprobierend, in welchem Ton sie am überzeugendsten rüberkommt.
»Mein Ziel ist es, dass jedes Stück eine ganz eigene Persönlichkeit hat. Es muss einfach interessant und spannend und schön klingen, wenn man es beispielsweise gerade im Radio hört – und das ist nicht einfach! Welche Instrumente, welche Stimmtöne verwendet man, inwieweit lässt man italienische Gesten einfließen, inwieweit versucht man auch zurückhaltend englisch-galant zu spielen? Jedes Stück muss ein Gesicht haben. Und Gesichter sind, wie sie sind! Es muss nicht jedes Mal ein Supermodel sein, aber man soll sie sich merken! Das finde ich schön, das interessiert mich!« Ohne es zu wissen, macht uns Maurice Steger auf dem Rückweg vom Interview noch einmal vor, wie das gemeint war: Er sprintet über eine Ampel, lacht, winkt, und sein Gesicht verschwindet im bunten Menschenstrom.

Neu erschienen:

Giuseppe Sammartini

Sonate per flauto

Maurice Steger

harmonia mundi

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 6 / 2007



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