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I Salonisti

Musik des Untergangs

Auf den Anruf aus Hollywood hatte Lorenz Hasler wirklich nicht gewartet. Umso verblüffter war der zweite Geiger des Berner Quintetts »I Salonisti«, als er erfuhr, dass der Ausflug zum Film seine Kollegen und ihn direkt auf die Titanic führen sollte, und zwar in der Produktion von James Cameron, der damals aufwändigsten Filmproduktion aller Zeiten. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern haben sie die Schiffskatastrophe auf Zelluloid allerdings überlebt. Carsten Niemann hat anlässlich des Untergangs der Titanic vor 100 Jahren bei der Bordkapelle des Blockbusters angeklopft.

Auf die Anfrage des berühmten Regisseurs, die Bordmusik für seinen neuen Film zu übernehmen, willigten I Salonisti ein. Sie erklärten sich auch bereit, physisch die Rolle der Bordkapelle zu übernehmen, die bis zum letzten Moment gegen die Panik auf dem sinkenden Ozeanriesen anspielte. Dabei habe das Ensemble zuvor noch nie auf dem Filmset gearbeitet, sagt Hasler: »Wir sind Musiker, wir machen kammermusikalische Ausarbeitungen von Stücken fürs Konzertpodium, also für ein Publikum, das zum Hören kommt.« Doch James Cameron sei es vor allem darum gegangen, die Bordkapelle mit Musikern zu besetzen, die auch im wahren Leben ein eingespieltes Ensemble sind.
Musikalisch befand sich das Quintett, das in der gleichen Besetzung wie das historische Orchester im Speisesaal der Titanic spielt, ohnehin in seinem Element. Gegründet hatte man sich nämlich, als man 1981 sechs große Schrankkoffer voller Musik für Salonorchester erworben hatte. Wobei sich unter den 8000 Stücken auch ganze 50 Titel des Songbooks der »White Star Line« befanden.
Fasziniert beobachteten Hasler und seine Kollegen, wie besessen sich Cameron um historische Genauigkeit am Set bemühte. Und stand in einer Szene der Flügel im falschen Winkel zum Publikum, »dann wurde eben eine halbe Stunde umgebaut und komplett neu eingeleuchtet.« Besonders eindrücklich wurde die Arbeit an der Schlussszene: »Er hat mehr als zwei Stunden nur mit uns gearbeitet, bis unser Gesichtsausdruck und unser Auftreten dem entsprach, wie seiner Meinung nach die psychische Verfassung der Musiker gewesen sein muss«, erinnert sich Hasler. »Wenn ich heute mein Gesicht im Film sehe, dann erkenne ich mich nicht wieder, weil das ein Blick oder eine Verfassung ist, die mir sehr fremd ist.«
In den offiziellen Soundtrack wurde die Musik, welche die Bordkapelle im Film spielt, nicht aufgenommen, so dass I Salonisti unter dem Titel »And The Band Played On« eine separate Auswahl mit Titanic- Repertoire auf CD veröffentlichen konnten. Doch anlässlich der Premiere der 3D-Version des Films wird nun eine neue Kompilation von Originalrepertoire gemeinsam mit dem Soundtrack erscheinen. Neu mit dabei sind Titel wie »Alexander’s Ragtime Band« und »Valse Septembre«, die mit großer Sicherheit auf der Titanic erklangen. Hinzu kommt der »Song Of Autumn«, den ein Zeuge noch vom Rettungsboot aus durch die Schreie und das Getöse der Maschinen gehört haben will. Ob die Musiker wirklich mit diesem Stück in den Tod gingen, oder ob sie doch mit »Nearer My God To Thee« schlossen, wie andere Überlebende berichteten, darauf will sich Lorenz Hasler nicht festlegen. Dies sei wohl ein Bereich, »der eigentlich der Legendenforschung zuzuordnen ist«, sagt er. »Aber die Legende an sich und die Tatsache, dass den Musikern eine Haltung dieser Art zugeschrieben wurde - das finde ich einfach wunderschön.«

Diverse

Titanic – OST Anniversary Edition

I Salonisti

Sony

Carsten Niemann, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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