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Danielle de Niese

Zum Sterben schön

In Glyndebourne erlebte Danielle de Niese ihren großen Durchbruch. Und auch in Brüssel zieht die Sopranistin in Händels »Giulio Cesare« alle Blicke auf sich. Kein Wunder: Im Glitzerbikini gibt die Sopranistin eine sehr sinnliche Cleopatra, die vor allem zauberhaft singt. Dagmar Leischow traf sie nach der Vorstellung.

RONDO: Frau de Niese, verraten Sie uns das Geheimnis Ihres leidenschaftlichen Spiels?

Danielle de Niese: Wissen Sie, eine gute Stimme allein reißt die Zuschauer nicht mehr mit. Jeder Sänger muss sich eine expressive Körpersprache aneignen. Zum Glück hatte ich als Kind Tanzunterricht, und dabei lernte ich: Selbst in die kleinste Bewegung kann ich große Gefühle legen.

RONDO: Amerikanische Medien behaupten, Sie hätten für sich den Stil der Popsängerin Madonna adaptiert.

de Niese: (lacht) Das ist ein bisschen übertrieben. Allerdings respektiere ich Madonna sehr. Über Dekaden hat sie sich und ihre Musik immer wieder neu definiert. Vor allem bei ihren Konzerten spüren ihre Fans die unglaubliche Energie dieser Frau. Ich wünschte, dieses Feuer ließe sich auf eine Operninszenierung übertragen.

RONDO: Glauben Sie, mit Ihrer Händel-CD können Sie die Massen erobern?

de Niese: Zumindest kann ich ein wenig Aufklärungsarbeit leisten. Viele wissen ja gar nicht, was Händel zu einem begnadeten Komponisten machte: Er hat eine Melodie genommen und tausendfach variiert. Darum sind seine Werke vertraut, aber nie langweilig.

RONDO: Und wie stehen Sie zu seiner Cleopatra?

de Niese: Sie ist ein vielschichtiger Charakter. Einerseits berechnet sie als Politikerin genau, was sie tut. Andererseits erliegt sie letztendlich doch ihren Gefühlen und verliebt sich ernsthaft in Cäsar. Gerade ihre inneren Konflikte sind für mich als Sängerin reizvoll.

RONDO: Dann hat diese Figur also mehr zu bieten als andere Rollen?

de Niese: Ich höre oft, in den meisten Opern seien die Frauen bloß schwache Geschöpfe. Das sehe ich anders. Selbst Anne Trulove in Strawinskis »The Rake’s Progress« ist für mich nicht eindimensional. Okay, auf den ersten Blick wirkt sie naiv. Wenn man sich aber die facettenreichen Harmonien in ihren Arien anhört, dann spürt man: In dieser Frau steckt viel mehr.

RONDO: Würden Sie sie gern spielen?

de Niese: Durchaus. Noch mehr reizt mich allerdings Massenets Manon, weil ich endlich mal auf der Bühne sterben möchte.

Danielle de Niese wurde 1980 in Australien geboren, als Zehnjährige zog sie mit ihrer Familie nach Los Angeles. Bereits mit 15 sang sie in der Uraufführung von Lee Holdridges »Journey to Cordoba« an der Los Angeles Opera ihre erste Hauptrolle, drei Jahre später wurde sie als jüngste Künstlerin überhaupt ins »Lindemann Young Artist Development Program« der New Yorker Met aufgenommen. Sie hat sich vor allem mit den Heldinnen der Händelopern einen Namen gemacht. Heute lebt sie in New Jersey.

Neu erschienen:

Händel

Arien

Danielle de Niese, Les Arts Florissants, William Christie

Decca/Universal

Dagmar Leischow, RONDO Ausgabe 2 / 2008



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