Startseite · Künstler · Gefragt

Nikolaus Harnoncourt

Alles Walzer!

Das war eine Zeit, als der Walzer auf den Tanzböden der Habsburgermonarchie Furore machte. Der körperenge bürgerliche Tanz galt als frivol und löste das züchtig am Händchen geführte Menuett der Aristokratie ab. Dieser Drehschwindel machte ganz Wien beschwipst. Dass im seligen Dreivierteltakt der revolutionäre Sprengstoff des Vormärz lauerte, beweist Nikolaus Harnoncourts philologischer Hausputz bei Lanner, Strauß und Co. Mit Kai Luehrs-Kaiser sprach er über das Tanzfieber, seine Mutter und eine Kindheit in – Berlin.

RONDO: Herr Harnoncourt, Ihre neue CD mit Werken von Mozart, Lanner und Strauß (Vater) heißt »Walzer-Revolution«. Ist das nicht etwas hoch gegriffen?

Nikolaus Harnoncourt: Mir wäre »Tanz-Frenesie« auch lieber gewesen. Aber man hätte den Titel nur in Österreich verstanden, wo in der großen Walzer-Ära, um die es geht, eine irrwitzige Tanz-Begeisterung aufkam. »Tanz-Koller« könnte man auch sagen, aber das wäre zu negativ. Eine ganze Stadt befand sich damals im Tanz-Taumel und drehte durch. Es kamen jene Sucht-Elemente der Musik auf, die man auch von Wagner her kennt. Übrigens ist die Musik Wagners in Wien zuerst von Johann Strauß und seinen Musikern aufgeführt worden. Grundsätzlich steht »Walzer« bei uns für alle Arten von Tanz.

RONDO: Bisher nicht gerade Ihr Kernrepertoire?

Harnoncourt: Ich habe immer Musik bis etwa 1935 aufgeführt. Und ich habe niemals Schubert, die Wiener Klassik oder auch nur eine späte Haydn-Sinfonie dirigiert, ohne zu schauen, wie sich deren Menuette in der Tanzmusik der Zeit fortsetzten. Selbst Schumann, Berlioz und Chopin, als sie nach Wien kamen, reagierten fasziniert auf die Frenesie in den Wiener Tanz-Cafés. Damals gab es Veranstaltungen mit bis zu 2000 Tanzenden im Saal.

RONDO: Existieren diese Tanz-Cafés noch?

Harnoncourt: Höchstens in veränderter Form. Eine große Rolle hat etwa das Café Dommayer in Hietzing gespielt. In einem ähnlichen Café haben der Concentus Musicus und ich früher unsere meisten Schallplatten-Aufnahmen gemacht: im Casino Zögernitz in Wien-Döbling.

RONDO: Was antworten Sie, wenn man sagt: Das sind doch alles zweitklassige Werke?

Harnoncourt: Dass man das wirklich nicht behaupten kann! Zweitklassig sagt ja auch zum Belcanto kein Mensch. Die musikalischen Anforderungen sind ungeheuer. Dittersdorf mag zweitrangig sein, gemessen an Mozart. Lanner und Johann Strauß (Vater) sind es nicht.

RONDO: Sie sind in Österreich aufgewachsen. Sind Walzer in Wirklichkeit Klänge Ihrer Jugend?

Harnoncourt: Nein, ich bin ja ursprünglich in Berlin geboren. Mein Vater hat den Spree-Havel-Kanal mitgebaut. Er wohnte unter anderem in der Spichernstraße. 1932 kam ich erstmals nach Österreich. In Wien kam ich eigentlich nicht mit Walzern in Berührung. Mein Vater hatte einen Bruder in New York, der ihm immer Klavierwerke von Gershwin schickte. Das ist die Musik, die ich als Kind gehört habe. Wiener Lieder hat mein Vater allerdings gesungen. RONDO: Können Sie selber tanzen? Harnoncourt: Jetzt nicht mehr. Meine Mutter war aber eine fantastische Tänzerin. Sehr ungarisch betont. Sie hätte mich am liebsten immer erwürgt, wenn ich den Csardas in der »Fledermaus« nicht richtig dirigierte.

RONDO: Mit der »Zauberflöte« in Salzburg steigen Sie wieder voll ins Konzertleben ein. Sind Sie der alte?

Harnoncourt: Ich bin der alte. Aber mit Betonung auf alt! Ich sage jedem Veranstalter, er müsste damit rechnen, dass ich meine Verpflichtungen vielleicht nicht einhalten kann. Ich war sehr traurig, dass ich die »Lulu« in Salzburg absagen musste. Ich habe eine größere Krankheit gehabt, und das hat mir die nötige Vorbereitungszeit genommen. Mehrfach habe ich übrigens auch Anläufe für Wagners »Meistersinger« genommen. Aber dafür ist es inzwischen leider zu spät.

RONDO: Sie werden im nächsten Jahr 60 Jahre verheiratet sein. Wäre der Dirigent Nikolaus Harnoncourt ohne seine Frau Alice überhaupt denkbar? Oder funktionieren Sie nur im Doppelpack?

Harnoncourt: Schwer zu sagen. Weil ich mich ohne sie an gar keine Zeit erinnern kann. Sollte sie plötzlich verschwinden – oder ich! wer weiß das?! –, dann würde ich nicht wissen was geschieht. Ich habe nie ein Management gehabt. Kein Sekretariat. Nichts. Da jemanden hineinzuziehen, würde mir schwerfallen. Wir sind voneinander abhängig, das stimmt. Aber nicht im abwertenden Sinne.

RONDO: Womit könnte man Ihnen heute eine richtige Freude machen?

Harnoncourt: Es gibt da so Bilder der alten Niederländer, auf denen ein großer Tümpel abgebildet ist. Da springen auf der einen Seite die Greise hinein. Und auf der anderen Seite kommen die Jünglinge wieder heraus. Das wäre etwas. Gemeinsam mit meiner Frau. Ein Jungbrunnen, am besten gleich hinter unserem Haus.

Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Strauß, Joseph Lanner

Walzer Revolution

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Sony

Kai Luehrs-Kaiser, RONDO Ausgabe 2 / 2012



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

BASF Ludwigshafen

Stimmband-Analysen

Startenor Juan Diego Flórez singt – und ein hochkarätig besetztes Symposium macht sich Gedanken […]
zum Artikel »

Da Capo

Berlin, Staatsoper im Schiller Theater

Der Beginn von Richard Wagners „Tannhäuser“ mit dem verlängerten Venusberg-Bacchanal der […]
zum Artikel »




Top