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Blind gehört

Sebastian Weigle

Arnt Cobbers lädt für RONDO musikalische Persönlichkeiten zum Blind-Test ein und protokolliert ihre Eindrücke. Das verlangt genaues Hören. Zugleich haben die ausgewählten Aufnahmen Bezug zur Biografie der Musiker. Der ersten Hör-Begegnung stellte sich in Berlin Sebastian Weigle. 2003 war er »Dirigent des Jahres«, sein Opern- und Museumsorchester Frankfurt wählten die Kritiker der Zeitschrift Opernwelt zuletzt dreimal hintereinander zum »Orchester des Jahres«. Der Berliner Sebastian Weigle war 15 Jahre 1. Solo-Hornist der Staatskapelle Berlin, ehe er Assistent Daniel Barenboims, künstlerischer Leiter des Gran Teatre del Liceu in Barcelona und 2008 GMD der Oper Frankfurt/Main wurde. Auf dem CD-Markt ist er als Begleiter von René Pape, Martin Stadtfeld und Thomas Quasthoff (»Ich begleite sehr gern«) präsent, aber auch mit Live-Mitschnitten aus Frankfurt. 2011 erschien Korngolds »Tote Stadt« mit Klaus Florian Vogt, im Juni soll der komplette »Ring des Nibelungen« auf den Markt kommen. Beim CD-Hören erweist sich Sebastian Weigle als unverkennbarer Enthusiast, der immer wieder mitsingt oder mitspricht.

Weigle: Ein herrliches Hornsolo, aber immer eine große Zitterpartie für den Hornisten. Sie können sich noch so gut vorbereiten und alles richtig machen – es kann trotzdem mal ein Nebenton rauskommen, und wenn das passiert, dann ist der Abend versaut. Mir sind die oberen Holzbläser zu präsent gegenüber dem Horn, und ich habe am Anfang das Tremolo nicht gehört. Wenn das zu leise ist, kriegt der Hornist Angst. Die Harmonie muss etabliert sein, damit sich der Hornist ins gemachte Nest setzen kann. Aber ein schönes Tempo! Gefällt mir richtig gut. Das ist was Älteres, oder? Schön satte Klänge, satte Strukturen. Für meinen Geschmack zu viel von den Mittelstimmen, zu wenig Melodie, die ganzen Repetitionen sind mir zu präsent. (Crescendo) Schöner Aufbau, gut ausbalanciert, man hört alles. Unheimlich warme Streicher. Ich höre gerne zu. Ein Berliner Orchester? Die Staatskapelle ist es nicht, Suitner hätte es runder gemacht, hier ist mehr das Blech im Fokus. Dann waren es wohl die Philharmoniker mit Karajan. Die habe ich ja nie hören können, ich komme aus der DDR, ich bin mit den Klängen der Staatskapelle aufgewachsen. Aber ich bin ein großer Verehrer von Karajan. Das Orchester ist brillant, das Tempo war wunderbar. Sehr feine Aufnahme!

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 4 Es-Dur

Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan

Das sind die Meistersinger, 3. Akt kurz nach der Festwiese. (Robert Holl als Sachs setzt ein) Super- Deklamation! Die Diktion des Chores ist fast wie in Bayreuth, das erinnert mich alles irgendwie an Bayreuth. Schön flüssig der Übergang, Super- Intonation! (Sachs beginnt mit: Verachtet mir die Meister nicht ...) Schönes Tempo, fließend. Kein großes Statement, sondern ein Erzählton. Der Sachs ist die gefürchtetste Partie in diesem Fach. Wenn Sie da als Dirigent zu schwer werden und zu früh zu langsam werden, geht der Sänger ein. Sie müssen immer versuchen, leicht und flüssig zu bleiben, das Orchester abzudämp- Blind gehört fen, damit er nicht dagegen ansingen muss. Wie viele Sachs-Sänger haben in der Schlussansprache schon die Stimme verloren! – Freuen Sie sich, wenn Sie hier angelangt sind, dass Sie es bald geschafft haben? – Nein, daran denke ich überhaupt nicht. Es kann immer etwas passieren, Sie müssen Ihre Sensoren überall haben. Sie müssen es laufen lassen und zugleich immer dran bleiben. Ohne ein totaler Kontrollfreak zu sein, können Sie sowas nicht dirigieren. Ich habe die Meistersinger über 50 Mal dirigiert, aber man kann sich nie zurücklehnen. Man muss sehen, wie fühlt sich der Sänger, lässt die Kraft nach, muss man helfen, muss man Tempo geben oder eine Atempause einlegen. Das ist das Spannende – keine Vorstellung ist wie die andere. Konzerte zu dirigieren, ist viel einfacher. Auf der Bühne hat der Sänger einen Schritt zu gehen und wird sofort langsamer. Oder der Chor hat eine Aktion und verliert dadurch das Tempogefühl, das passiert. Aber ich liebe es, mit Sängern zu arbeiten. ... Eine schöne Aufnahme! Es fließt, tolle Diktion! Das ist aus Bayreuth? Barenboim? Dann wars Robert Holl, das habe ich mir doch sofort gedacht! Ich habe dieses Stück als Assistent von Barenboim gelernt, dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Richard Wagner

Die Meistersinger von Nürnberg. 3. Akt, Finale ab Sachs: »Den Zeugen, denk es, wählt ich gut«.

Robert Holl, Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele, Daniel Barenboim

Mit dem Stück gehe ich im April mit dem Bundesjugendorchester und Christian Tetzlaff auf Deutschland-Tournee. Ich hab das noch nie dirigiert und noch nie im Konzert gehört. Das Orchester ist schön durchsichtig am Anfang, ganz leicht, das hat was von Debussy und Ravel. Sehr gut gespielt, sehr gute Klangstruktur. Und vom Solisten schön geschmackvoll gemacht, da ist nichts Gestelztes, alles entwickelt sich ganz natürlich. Und hier diese Stelle mit den beiden Sologeigen – das ist doll komponiert, das ist überhaupt ein hervorragendes Stück, ich würde es zu den großen Werken der Weltliteratur zählen. Es ist ein Orchesterwerk mit einer konzertanten Violine, man muss leider höllisch auf die dynamische Balance aufpassen, dass man den Solisten nicht erschlägt. Der Solo-Part verlangt schon den großen Stradivari-Ton. Aber hier sind Könner am Werk, Solist wie Orchester – absolut. Wer es ist, weiß ich nicht.

Karol Szymanowski

Violinkonzert Nr. 1 op. 35

Thomas Zehetmair, City of Birmingham Symphony Orchestra, Simon Rattle

(Färberin: »... und so geschieht es.«) Toll, da hat es mich gerade ein bisschen gefröstelt. (Barak: »Sie haben es mir gesagt ...«) Ist das Fischer-Dieskau? Schön! Und diese Schluss-»Ts« – wunderbar! Jetzt kommen die Wächter – nanu, das klingt wie ein Chor, wir haben es mit drei Sängern gemacht, aber so geht es auch. Au, wo war hier die Koordination? Ist das live? Na dann, das kann passieren. Aber schade! Das ist ein schwerer Choral für die Blechbläser, und am Schluss muss die Trompete noch nach oben, das ist so schwer. Schön, es hat fast was Wienerisches. Ist das schön, das tut so weh, in dieser Szene kommen mir fast dir Tränen! Ah, die Mischung ist schön. Man hört, die Nachtruhe kommt rein. Strauss ist so unglaublich, es ist für mich unbegreiflich, wie man diese Klänge als Komponist in sich hören und dann noch niederschreiben kann, das sind so viele Noten, so viele Instrumente. Strauss und Wagner und das große romantische Repertoire – das ist mein Ding! – Können Sie die Begeisterung vieler Kritiker für alte Aufnahmen verstehen? – Absolut. Das war wirklich noch live, das hat alles einen Zug. Und dies hier war sehr gut gespielt, eine Irritation kann immer passieren. Vielleicht standen die Nachtwächter an der falschen Position, oder ein anderer Bühnenkapellmeister als sonst hatte Dienst und ausgerechnet da ist mitgeschnitten worden – das ist eben live, das ist das Theaterleben. Aber das zerstört die Spannung überhaupt nicht. Ich hab keinen Verdacht, wer dirigiert hat. Keilberth? Den schätze ich sehr.

Richard Strauss

Die Frau ohne Schatten. 1. Akt, Finale, »Trag ich die Ware selber zum Markt«

Dietrich Fischer-Dieskau, Inge Borkh, Bayerisches Staatsorchester, Joseph Keilberth

(Nach dem ersten Akkord) Hans Rott! Ich glaube, das ist meine Aufnahme. Damals war ich zufrieden, inzwischen habe ich das Stück mit vier anderen Orchestern einstudiert und habe eine ganz andere Sichtweise. Das ist ein Super-Tempo, es hat einen schönen Zug und baut sich sehr schön auf. (Klimax). Nee, das ist doch nicht meine Aufnahme. Das schreit. Die Intonation ist nicht optimal, Ritardando ein bissel zu viel ... Nein, erst Dur, dann Moll! Da waren so wahnsinnig viele Druckfehler drin in der ersten Ausgabe. – Wäre Rott der bessere Mahler geworden? – Ja! Ganz klar. Wenn man Rott Zeit gegeben hätte und wenn Brahms an ihn geglaubt hätte – Rott wurde ja von Brahms‹ und Hanslicks Kritik völlig verrissen. Rott war für Mahler ganz eindeutig die Quelle der Inspiration. Das ist ein Werk, das unbedingt häufiger auf die Spielpläne gehörte!

Hans Rott

Sinfonie E-Dur

Radio Symphonieorchester Wien, Dennis Russell Davies

Arnt Cobbers, RONDO Ausgabe 2 / 2012



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