Lorbeer & Zitronen

Wem gebührt ein Ritterschlag, wer hat Saures verdient?
Der Jahresrückblick der RONDO-Autoren auf das Musikjahr 2017.

Josef Engels

Platte des Jahres

Vijay Iyer Sextet „Far From Over“ (ECM/Universal)
Rassismus, Nationalismus, das Leugnen des Klimawandels – all die Dinge, die man im Westen überwunden glaubte, sind weit davon entfernt, vorbei zu sein. Vijay Iyer, US-Pianist mit indischem Migrationshintergrund, spendet auf „Far From Over“ Mut und positive Schwingungen, indem er den Bürgerrechts-Jazz der 1960er Jahre in die Gegenwart verpflanzt.

KünstlerIn des Jahres

Tyshawn Sorey
Der Gesamtkunstschlagwerker trommelte 2017 bei Vijay Iyer (s.o.) handfeste Grooves, veröffentlichte unter eigenem Namen die Klangsversuchanordnung „Verisimilitude“ (Pi Records/harmonia mundi), erhielt den Geniepreis der MacArthur-Stiftung und war der erste Artist in Residence in der Geschichte des Berliner Jazzfestes. Ein Mann der Zukunft.

Überraschung des Jahres

Das auf dem Album „Out of Land“ (ACT/Edel) dokumentierte Aufeinandertreffen der europäischen Improvisations-Spitzenkräfte Emile Parisien, Vincent Peirani, Andreas Schaerer und Michael Wollny.

Muss das sein?

Der wunderbare RONDO-Kollege Thomas Fitterling ging 2017 von uns und jammt jetzt gerade hoffentlich mit Thelonious Monk. Er wird fehlen.

Überbewertet

Der Wirbel, den eine 3sat-Dokumentation über die Behandlung der fantastischen Saxofonistin Anna-Lena Schnabel bei der ECHO Jazz-Verleihung auslöste. Von Zensur war die Rede, weil der NDR Schnabel angeblich vorschreiben wollte, welches Musikstück sie im Fernsehen spielen darf. Stimmte letztendlich alles nicht so ganz, führte aber immerhin dazu, dass sich die Medien mal ganz kurz für Jazz aus Deutschland interessierten.

Unterbewertet

Die Rolle der Frauen im Jazz im #MeToo-Jahr – neben Anna-Lena Schnabel (s.o.) erinnerten unter anderem die Sängerin Cécile McLorin Salvant („Dreams and Daggers“, Mack Avenue/inakustik) sowie die Saxofonistinnen Charlotte Greve („There Is Only Make“, Traumton/Indigo) und Angelika Niescier (Albert-Mangelsdorff-Preis) daran, dass einige der wichtigsten Antriebskräfte im aktuellen Jazz weiblich sind.

Merkwürdigkeit des Jahres

Dass die Pläne für ein vom Bund angestoßenes „House of Jazz“ – hoffentlich nur vorübergehend – als Berliner Provinz-Posse endeten.

Meine heimliche Liebe

Vulfpeck: „The Beautiful Game“ (zu hören auf Spotify). Das Album erschien zwar schon Ende 2016, half aber mit seiner Jaco-Pastorius-Hommage „Dean Town“ und den Gute-Laune-Hits im Stile der Jackson Five, den nicht vorhandenen Sommer 2017 zu überstehen.

Guido Fischer

Platte des Jahres

Charles Ives: Klaviersonate Nr. 2, Violinsonate Nr.4 mit Joonas Ahonen/Klavier und Pekka Kuusisto/Violine (BIS/Klassik Center Kassel)

KünstlerIn des Jahres

Antoine Tamestit, der auf seiner Bratsche nicht nur den romantischen Belcanto-Ton trifft, sondern auch die aktuelle Moderne à la Sciarrino und Widmann in tolle Klangabenteuer verwandelt.

Überraschung des Jahres

„Glenn Gould: The Goldberg Variations – The Complete Unreleased Recording Sessions“: Obwohl man geglaubt hatte, dass das Thema „Gould – Goldberg-Variationen“ nichts Neues mehr bieten könne, gelingt dies den bislang unveröffentlichten Aufnahmesessions von 1955.

Überbewertet

Klassische Musik im öffentlichen Raum als Maßnahme gegen städtische Vermüllung und Schlägereien (siehe Schweinfurt)

Unterbewertet

Der Kammermusikkomponist Karol Szymanowski (zB: Werke für Violine und Klavier mit Marie Radauer-Plank und Henrike Brüggen; Genuin/Note 1)

Merkwürdigkeit des Jahres

Thomas Hengelbrocks überraschend schnelle Flucht aus Hamburg.

Meine heimliche Liebe

Hochprozentiger Henry Purcell – geboten von Bjarte Eike und Barokksolistene unter dem passenden Titel „The Alehouse Sessions“ (Rubicon/harmonia mundi)

Christoph Forsthoff

Platte des Jahres

Matthias Goerne: „Einsamkeit“ (harmonia mundi)
Zum Weinen schön wird die Einsamkeit hier in jeder Schwingung der Schubertschen Lieder spürbar, gleitet dieser Sänger bisweilen fast wesenlos durch die Register. Ganz große Gestaltungskunst.

KünstlerIn des Jahres

Teodor Currentzis: Seit Jahren schon mischt das Bleichgesicht von Sibirien aus die Klassikszene auf – und schafft es doch immer wieder für neue Überraschungen mit seinem Orchester MusicAeterna zu sorgen. Heuer also die Revolte mit Tschaikowski: Herz und Hirn erstürmend! (Tschaikowski: Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“, Sony)

Überraschung des Jahres

Die Elbphilharmonie! Über ein Bau-Jahrzehnt verunkt, verhöhnt, niedergeschrieben – und plötzlich will alle Welt in dieses am Ende doch grandiose Architekturwerk und zahlt auf dem Schwarzmarkt astronomische Ticketpreise.

Muss dass sein?

ECHO Klassik: Alle Jahre wieder feiert sich die Branche selbst – leider so altbacken und vorhersehbar, dass garantiert keine neuen Publikumsschichten gewonnen werden.

Überbewertet

Kritiker: Einst ein ebenso angesehener wie gefürchteter Berufsstand, gefallen sich inzwischen immer mehr der Damen und Herren in einer Daumen hoch- oder Daumen runter-Mentalität und selbstverliebten Selbstbespiegelungen. Schade um die hohe Kunst.

Unterbewertet

Das Genre Operette: Das Comeback des Rausches im Dreivierteltakt hat noch immer viel zu wenige Opernhäuser erfasst. Jammerschade, lässt sich doch hier aufs Trefflichste Unterhaltung mit Haltung erfahren, im besten Fall auch in der Musik ein absurd-dadaistisches Element entdecken. Denn Freunde, das Leben ist lebenswert!

Merkwürdigkeit des Jahres

Der Glaube ans Streaming: Ja, die Technik schreitet voran – und, nein, die Klangqualität reicht eben doch nicht an die einer CD heran. Vor allem aber geht die Fähigkeit verloren, sich Zeit und Muße zu nehmen und Musik zu erleben – und nicht nur nebenbei durch die Gehörgänge rauschen zu lassen.

Meine heimliche Liebe

Spring String Quartet: Die vier Ösis sind nicht nur herrlich schräge Querdenker von Mozart bis Metal, sondern schicken Herz und Hirn auch auf abenteuerliche Entdeckungsreisen. Fast so gut wie eine Nacht lang mit ihnen die Gläser klingen zu lassen…

Robert Fraunholzer

Platte des Jahres

Hector Berlioz: „Les Troyens“ (mit Joyce DiDonato, Marie-Nicole Lemieux, Michael Spyres etc.; Orchestre Philharmonique de Strasbourg, John Nelson - 4 CDs, 1 DVD - Warner)

KünstlerIn des Jahres

Julia Lezhneva für ihr Album mit lauter ersteingespielten Arien von Carl Heinrich Graun (Decca)

Überraschung des Jahres

Die Wiederauferstehung des Labels „naïve“ – in Gestalt und der Musik von Vivaldis Oper „Dorilla in Tempe“

Muss das sein?

Daniil Trifonovs Fraternisieren mit Mikhail Pletnev bei dessen fürchterlicher Neuinstrumentation der Chopin-Konzerte – und, schlimmer noch, mit Anne-Sophie Mutter („Chopin Evocations“ und Schubert: „Forellenquintett“ – Deutsche Grammophon)

Überbewertet

Igor Levit

Unterbewertet

Leider kaum jemand. Die Musikkritik winkt vieles zu einfach durch

Merkwürdigkeit des Jahres

Der nicht enden wollende Sturzbach von Countertenören. Und dass sie tatsächlich immer noch etwas zum Entdecken finden

Meine heimliche Liebe

Die Gesamtedition der Haydn-Symphonien unter Giovanni Antonini (zuletzt: Vol. 5 „L’Homme de „Génie“, Haydn: Sinfonien 19, 80, 81; Kraus: Sinfonie c-Moll; Alpha/Note 1)

Regine Müller

Platte des Jahres

Zwei neue Sichten auf Philip Glass, anlässlich seines 80. Geburtstags: „The Glass Effect“ der koreanisch-niederländischen Harfenistin Lavinia Meijer entlockt dem Minimalisten ungeahnte, hoch komplexe Sound-Dimensionen; Vikingur Olafssons Debüt-CD bei der Deutschen Grammophon „Piano Works“ entdeckt Brahms’sche Poesie in Glass’ Etüden.

KünstlerIn des Jahres

Teodor Currentzis für seinen radikalen, dekonstruierten „Titus“ bei den Salzburger Festspielen und seine entschlackte und zugleich hoch dramatische Aufnahme von Tschaikowskis „Pathétique“. Hinreißend neu auch seine 9. Bruckner, die er kürzlich live mit dem SWR Symphonieorchester gab.

Überraschung des Jahres

Das „Ring“-Experiment von Regisseurin Tatjana Gürbaca und Dirigent Constantin Trinks im Theater an der Wien: Aus den vier Teilen der Tetralogie schmiedete das Duo drei Abende völlig neu zusammen, aus der Perspektive von jeweils Hagen, Siegfried und Brünnhilde. Die Überraschung: Es funktioniert und beschert reichen Erkenntnisgewinn.

Muss das sein?

Die inflationäre Präsenz von Daniel Hope. Derzeit hat man den Eindruck, dass er an jedem zweiten Konzerthaus Residenzkünstler ist und noch dazu darf er sich jeden Sonntag zwei Stunden auf WDR3 in der Sendung „Persönlich“ ausbreiten.

Überbewertet

Jonas Kaufmanns Album „L'Opéra“ mit bekanntem und weniger bekanntem französischem Repertoire: Solide, aber nicht sensationell (Sony)

Unterbewertet

Trotz ECHO: Christoph Sperings famose Einspielung von Bachs 13 Lutherkantaten (dhm/Sony)

Merkwürdigkeit des Jahres

Die Patzer des NDR Elbphilharmonie Orchesters bei der Eröffnung der „Elphi“: Unter der Leitung von Thomas Hengelbrock rumpelte es etwa im „Parsifal“-Vorspiel gewaltig.

Meine heimliche Liebe

Boris Giltburg ist immer noch ein Geheimtipp. Seine Einspielung von Schostakowitschs Klavierkonzerten mit einer Bearbeitung des 8. Streichquartetts ist brillant, hoch intelligent und von brennender Intensität (Naxos).

Matthias Siehler

Platte des Jahres

Hector Berlioz: „Les Troyens“ (Erato/Warner)
Mustergültige Besetzung für ein immer noch herausforderndes Werk.

KünstlerIn des Jahres

Juan Diego Flórez – großartig, wie intelligent er seinen Fachwechsel meistert, nicht zuletzt auf seinem aktuellen Album zu hören („Mozart“, mit Orchestra La Scintilla, Minasi; Sony).

Überraschung des Jahres

Seong-Jin Cho - Asiate und Wettbewerbsgewinner – trotzdem ein herausragend sensibler Klavierdebütant (Debussy, „Images“ I & II; Deutsche Grammophon).

Muss das sein?

Die vielen schlechten DVDs aus mittelmäßigen italienischen Opernhäusern – und so viel großartiges Musiktheater wird nicht aufgezeichnet!

Überbewertet

Der entdeckungsfreudige, originell kompilierende Tenor Daniel Behle (Schubert-Arien; Sony / „Nostalgia“; Capriccio/Naxos) und sein Lied-Kollege Peter Mauro (Schumann, „Dichterliebe“; Sony) – vokal nur Durchschnitt.

Unterbewertet

Daniil Trifonov: Zusammenstellung wie Interpretation seines letzten Albums ist so superlativisch gut, das ist kaum mehr steigerungsfähig („Chopin Evocations“; Deutsche Grammophon).

Merkwürdigkeit des Jahres

Dass es so lange gedauert hat, bis die wunderbare Vivaldi-Edition dank neuer Geldspritzen weitergehen konnte, zuletzt mit einer erfrischenden „Dorilla in Tempe“ (naïve/Indigo)

Meine heimliche Liebe

Die guilty pleasures der nicht immer erstklassigen, aber stets überraschenden und mit viel Liebe produzierten Repertoireentdeckungen der Stiftung Palazzetto Bru Zane (2017 allein vier Titel mit Werken von Méhul, Saint-Saëns, David, Godar; zuletzt erschienen: Gounod, „Cantates et Musique Sacrée“, Ediciones/Note 1)

Werner Stiefele

Platte des Jahres

Renaud Garcia Fons: „La Vie Devant Soi“ (e-motive/Galileo)
Virtuose Gratwanderung des Kontrabassisten zwischen Jazz, Rock, Volksmusik und Konzertmusik sowie europäischer, indischer und arabischer Musik.

KünstlerIn des Jahres

Sebastian Sternal: „Home“ (Laika/Indigo)
Licht, durchsichtig und zudem äußerst fokussiert musiziert das Trio des Pianisten Sebastian Sternal. Wie impressionistische Maler schaffen sie Eindrücke.

Überraschung des Jahres

Cécile McLorin Salvant: „Dreams And Daggers“ (McAvenue/In-akustik)
Ein Prise Chanson, eine große Portion Jazz, dazu ein Hauch von Vaudeville und eine grandiose, wandlungsfähige Stimme: Diese Mixtur macht Cécile McLorin Salvant einzigartig. Je nachdem, wie es die Texte erfordern, kann sie hauchen, fauchen, krächzen, vibrieren, fordern, lispeln, betören, nüchtern erzählen oder raumfüllend aufschwellen: ein sensationelles Ausdrucksspektrum.

Muss das sein?

Dee Dee Bridgewater: „Memphis… Yes I’m Ready“ (Okeh/Sony)
Der Wechsel vom Label Verve zum Label Okeh brachte die Abkehr vom swingenden Jazz und die Rückkehr zu ihren jungen Jahren mit Funk. Schade.

Überbewertet

Man möge es mir verzeihen, aber mir fällt dazu keine konkrete Veröffentlichung ein, zumal ich die Hypes kaum verfolge.

Unterbewertet

Angelica Niscier: „Broken Cycle“ (Sunny Sky/Galileo)
Ich bewundere die Konsequenz, mit der die Saxophonistin ihre ebenso virtuose wie sperrige Musik konsequent weiter entwickelt.

Merkwürdigkeit des Jahres

Was ist schon merkwürdig? Dass das Gerede vom Ende des musikalischen Fortschritts nie aufhört? Dass Elektronik ein Allheilmittel sein soll? Dass es immer noch physische Tonträger gibt? Und das, obwohl Menschen in Konzerte gehen, CDs und LPs kaufen, downloaden, streamen und akustische Instrumente keinesfalls seltener als elektronische gespielt werden!

Meine heimliche Liebe

Walter Trout And The Free Radicals: „Live Trout“ – Vol. 1+2 (Ruf Records/Ruf Records)
Der Konzertmitschnitt wurde 2000 als Doppelalbum veröffentlicht. Siebzehn Jahre später habe ich es wieder-entdeckt und wochenlang (!) im Auto gehört. Merkwürdig? Na und! Urbaner Blues, im Quartett von E-Gitarre, E-Bass, Orgel und Schlagzeug auf die Quintessenz konzentriert. Hält auch bei Dauerwiederholung wach!

Michael Wersin

Platte des Jahres

Christian Poltéras und Ronald Brautigams Mendelssohn-CD war ein echter Knaller (Mendelssohn: Werke für Cello und Klavier; BIS/Klassik Center Kassel)

KünstlerIn des Jahres

Dorothee Mields begeistert immer wieder aufs Neue durch die Frische und Flexibilität ihrer zauberhaften Sopranstimme (zuletzt: Graupner, „Lass mein Herz“ - Kantaten und Ouvertüren, Accent/Note 1)

Muss das sein?

Matthias Goernes Wagner-Rezital dokumentiert vielleicht die Entwicklung seiner Stimme, liefert aber im Rahmen der Wagner-Interpretationsgeschichte absolut nichts Neues („The Wagner Project“, mit Swedish Radio Symphony, Harding; harmonia mundi).

Überraschung des Jahres

Zum ersten Mal in der Geschichte durfte eine Frau in der Sixtinischen Kapelle singen - und es war ausgerechnet Cecilia Bartoli. Perotins Conductus „Beata viscera Mariae virginis“ stand auf dem Programm einer CD-Produktion, ein einstimmiges Stück, zu dem der Chor der Kapelle nur einen Bordun beitrug. Nun ist die Bartoli nicht gerade eine Spezialistin für Mittelalter, und der Chor bekanntermaßen von fragwürdiger Qualität. Aber die PR-Maschinerie hat das fertige Produkt sicher erfolgreich unter die Leute gebracht („Veni Domine: Christmas At The Sistine Chapel“; Deutsche Grammophon)

Meine heimliche Liebe

Das „Biotop“ französischer Orgel-Improvisationen auf den großartigen sinfonischen Cavaillé-Coll-Orgeln. Einer der ganz Großen ging Anfang des Jahres dahin: Pierre Pincemaille, Titular-Organist von St. Denis bei Paris, verstarb mit nur 61 Jahren und hinterließ bloß eine Handvoll CDs. Dafür ist YouTube eine reichhaltige Fundgrube für seine abgefahrenen Impros.

Marcus Woelfle

Platte des Jahres

Benny Green: „Happiness! Live at Kuumbwa“ (Sunnyside/GoodToGo)
Benny Green klingt, als musiziere er im Jahr seiner Geburt: 1963. Und doch schlüge bei ihm die Verbalkeule „Epigone“ ins Leere. Auf diesem Live-Album, das seinem Titel alle Ehre macht, vernehmen wir kein Abspulen von Jazzhistorie, vielmehr den natürlichsten Ausdruck seines freudig swingenden Selbst.

KünstlerIn des Jahres

Lange wurde es belächelt. Wenn das Akkordeon heute im Jazz ernst genommen wird, dann liegt das nicht zuletzt daran, dass der Franzose Richard Galliano seine Finger im Spiel hat. Sie entlocken dem Instrument einen klanglichen Nuancenreichtum, der an große Bläser, Organisten oder Sänger erinnert. (Richard Galliano: „New Jazz Musette“; mit Sylvain Luc, André Ceccarelli, Philippe Aerts; 2 CDs; Ponderosa/Edel)

Überraschung des Jahres

Cleo: „Let Them Talk“ (Luley/Fenn)
Die junge Cleo hat Gold in der Kehle; sie hat auch ihr swingendes Handwerk in New Orleans gelernt. Selten hat die Debüt-CD einer jungen Sängerin so überzeugt.

Muss das sein?

CD-Texte werden oft so klein gedruckt, dass man sie manchmal nicht einmal mit der Lupe lesen kann. Doch wenn nicht an Papier gespart wird, führt der Wunsch nach Originalität bei der Album-Gestaltung zu den seltsamsten Blüten. Die Schrift ist hellrot auf dunkelrot, man wechselt zwischen Riesen- und Minibuchstaben, es gibt keinen Zeilenabstand oder alles ist in Kapitälchen.

Überbewertet

War da wer?

Unterbewertet

Die scheinbar leichtgewichtig Unterhaltenden oder überirdisch Heiteren, denen man – zumal in Deutschland – von Vornherein weniger Tiefe, Gehalt oder Bedeutung zuschreibt als den mürrisch Polternden, den griesgrämig Grübelnden, den intellektuell Imponierenden oder den erschüttert Nachdenkenden.

Merkwürdigkeit des Jahres

War da was?

Meine heimliche Liebe

… stünde garantiert nicht hier.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Auf so eine Idee muss man erst mal kommen: Darius Milhauds 14. und 15. Streichquartett lassen sich einzeln oder aber gleichzeitig spielen – als Streichoktett. Dieses absurd anmutende Pasticcio-Projekt kann man auf dieser Milhaud-CD des Quatuor Parisii nachhören, das sich für die Oktett-Version Verstärkung durch das Quatuor Manfred geholt hat. Zunächst spielen die Musiker das Octuor à cordes op. 291, danach einzeln die Quatuors Nr. 14 und 15, die ebenfalls die Opuszahl 291 tragen. Ein […] mehr »


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