Lorbeer & Zitronen

Wem gebührt ein Ritterschlag, wer hat Saures verdient?
Der Jahresrückblick der RONDO-Autoren auf das Musikjahr 2018.

Eleonore Büning

Platte des Jahres

Igor Levit:„Life“. Werke von Bach/Brahms, Busoni, Schumann, Rzewski, Evans und Liszt (Sony)
Sein bisher bestes Album – und nebenbei ein starkes Plädoyer für die allzu gern als Virtuosen-Tafis verkannten Tondichter Ferruccio Busoni und Franz Liszt

KünstlerIn des Jahres

Lucile Richardot: „Perpetual Nights“.
Werke von Lawes, Johnson, Purcell, Blow u.a., mit Ensemble Corrspondance, Sébastien Daucé (harmonia mundi) – Sie hat eine Stimme aus Samt, Gold und Stahl, mit einem sensationellen Ambitus.

Überraschung des Jahres

Camille Saint-Saëns: „Ascanio“, ersteingespielt von Guillaume Tourniaire mit besten jungen Kräften (B-Records/Note 1) – Bisher kannte man nur eine einzige Arie aus dieser glutvollen, romantischen Oper, aber es ist noch nicht zu spät für eine szenische Wiederaufführung.

Muss das sein?

Dafür ist es nun doch zu spät: Simone Kermes singt Händel-Arien (Sony).

Überbewertet

Teodor Currentzis (z.B. Gustav Mahler: 6. Sinfonie, Sony)

Unterbewertet

Frank Beermann (z.B. mit Emil Nikolaus von Reznicek: „Benzin“, cpo)

Merkwürdigkeit des Jahres

Dass sich erst Philippe Herreweghe (harmonia mundi), dann René Jacobs (Pentatone/Naxos) über Schubert hermachen, ohne Bilderstürmerei und ohne grundstürzend neue Erkenntnisse.

Meine heimliche Liebe

Habe bloß unheimliche Lieben, davon aber mehrere. Z.B. die Schumanneinspielung von Gerhaher und Huber Vol.1 (Sony) oder die Rihmeinspielung von Tianwa Yang Vol 1 (Naxos) oder die Mahlereinspielung (Vol 1) von François-Xavier Roth mit dem Gürzenich-Orchester (harmonia mundi)

Josef Engels

Platte des Jahres

Günter Baby Sommer/Till Brönner: „Baby's Party“ (Intakt/Harmonia)
Das trommelnde Freejazz-Urgestein und der populäre Vorzeigetrompeter zeigen, dass das Verbindende wichtiger ist als das Trennende. Eine gute Lektion für eine Gesellschaft, die auseinanderzufallen droht.

KünstlerIn des Jahres

Brad Mehldau
Ein Mann für alle Spielsysteme: Der Pianist zeigte 2018 mit „After Bach“ (Nonesuch/Warner) seinen ungekünstelten Solo-Blick auf Johann Sebastian Bach, unterstrich seine Duo-Befähigung auf dem im Oktober herausgekommen Mitschnitt eines Konzerts mit Charlie Haden aus dem Jahr 2007 („Long Ago and Far Away“, Impulse/Universal), reaktivierte sein gewohnt hochklassiges Trio („Seymour Reads the Constitution“, Nonesuch/Warner) und erwies sich als traumhafter Anspielpartner von Wolfgang Muthspiel auf dessen Quintett-Album „Where the River Goes“ (ECM/Universal). Ach ja: Zu Louis Coles CD hat er auch noch ein unglaubliches Klaviersolo beigesteuert (s. Meine heimliche Liebe).

Überraschung des Jahres

Mit der Schlagzeugerin Eva Klesse gibt es die erste Jazz-Professorin in einem Instrumentalfach auf deutschem Boden, mit Nadin Deventer übernahm zum ersten Mal eine Frau die künstlerische Leitung des Berliner Jazzfestes. Hat beides nur schlappe paarundfünfzig Jahre gedauert. Was soll jetzt noch kommen? Ein Mann als Kanzlerin?

Muss das sein?

Dass man in dieser Liste nie die geeignete Schublade für hervorragende, aber schwer zu kategorisierende Aufnahmen wie „Instrumental Chairs“ (Unit/Membran) von Fee Stracke, „Wonder Trail“ (Edition/Membran) von Dinosaur, „Red Messiah“ von Jan Felix May (Jazzline/Good to Go) oder „Your Queen Is a Reptile“ (Impulse/Universal) von Sons of Kemet findet.

Überbewertet

Es war ein unverhofftes Glück, dass mit „Both Directions At Once“ (Impulse/Universal) eine jahrzehntelang unveröffentlicht im Familienbesitz schlummernde Aufnahmesession von John Coltrane das Licht des Plattenmarktes erblickte. Fraglos ein faszinierender Werkstatteinblick, aber definitiv nicht der „Heilige Gral des Jazz“, wie solche Funde von den Medien reflexhaft bezeichnet werden.

Unterbewertet

Großbritannien hat so viel mehr zu bieten als royale Hochzeiten und die Brexit-Farce: Starken zeitgenössischen Jazz von Dinosaur und Sons of Kemet, ausgereiften Produzentenpop mit perligen Gitarrenimprovisationen und handfesten Beats von Tom Misch („Geography“, Beyond the Groove/Rough Trade) sowie mit Editions Records ein Label, das zum internationalen Player aufgestiegen ist, und u.a. den deutschen Pianisten Pablo Held unter Vertrag genommen hat. Der revanchierte sich prompt mit der bemerkenswerten Einspielung „Investigations“.

Merkwürdigkeit des Jahres

Wayne Shorters Dreifachalbum „Emanon“ (Blue Note/Universal) mit Orchesterkompositionen, Konzertdokumenten und Comic-Beilage. Shorter ist der Meister Yoda des Jazz – erleuchtet, eigensinnig, aber gerade in den Live-Mitschnitten für Normalsterbliche kaum noch zu verstehen.

Meine heimliche Liebe

Louis Cole: „Time“ (Brainfeeder/Rough Trade) – Der Multiinstrumentalist macht nicht nur die seltsamsten Videos auf Youtube, sondern kombiniert Elektrofunk und von den Beach Boys inspirierten Nerdpop wie kein anderer. Sein Stück „Things“ hätte sich mit dem Refrain „Things may not work out how you thought“ gut als offizielle WM-Hymne für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in Russland gemacht.

Guido Fischer

Platte des Jahres

Claude Debussy: „…et le Jazz: Préludes for a Quartet“ (harmonia mundi) – Wenn Jazzmusiker sich mit der Klassik anlegen, geht es meistens anbiedernd schief (was übrigens umkehrt ebenso gilt – siehe Friedrich Gulda). Aber beim Gemeinschaftsprojekt, das zu Ehren des Jubilars Debussy das Quatuor Debussy mit u.a. Jacky Terrasson und Vincent Peirani auf die Beine gestellt hat, fühlt sich auch die klassische Moderne im Elan der Musette pudelwohl.

KünstlerIn des Jahres

Der französische Cembalist und Dirigent Christophe Rousset, der sich mit Herz und Verstand unermüdlich der französischen Barockmusik (Lully, L. Couperin), aber auch der italienischen Oper eines Salieri widmet.

Überraschung des Jahres

„The Secret Fauré“: Orchester-Lieder & -Suiten (Sony) – Hörgenuss auf Drei-Sterne-Niveau: Ivor Bolton und das Sinfonieorchester Basel haben u.a. unbekannte Schauspielmusiken des sympathischen französischen Romantikers Gabriel Fauré wiederentdeckt.

Muss das sein?

1999 hatte Donna Cecilia Bartoli mit ihrem „Vivaldi“-Album den Vogel abgeschossen. Knapp 20 Jahre später ist sie bei ihrem Nachfolgealbum zwar weiterhin blendend bei Stimme. Doch irgendwie kommt alles nur wie ein Remake rüber.

Überbewertet

Das Leonard Bernstein-Jahr hat es mal wieder bewiesen: Die Anerkennung, die er sich stets als Komponist „ernster“ Werke gewünscht hatte, blieb ihm – bis auf wenige Ausnahmen – dann doch zu Recht verwehrt.

Unterbewertet

Es ist eine Schande, dass man die französische Mezzosopranistin Lucile Richardot nicht landauf, landab hören, genießen, bestaunen kann – mit ihrem „Chiaroscuro“-Timbre, mit dem sie in ungeahnte Ausdruckstiefen der Barockmusik vordringt.

Merkwürdigkeit des Jahres

Angesichts der ständig durch die Decke schießenden Baukosten von Berlin (Staatsoper Unter den Linden) über Stuttgart (Opernhaus) bis zur Doppelsanierung des Opern- und des Schauspielhauses in Köln fasst man sich nur noch an den Kopf.

Meine heimliche Liebe

Countertenor Franco Fagioli in einem Videoclip von 2012, in dem er in einer Aufführung von Vincis „Artaserse“ die Arie „Vo solcando un mar crudele“ stimmschauspielerisch zum puren Gänsehaut-Erlebnis macht.

Christoph Forsthoff

Platte des Jahres

Iveta Apkalna: Light & Dark - Mag die Elbphilharmonie auch zwei Jahre nach ihrer Eröffnung nach wie vor in vieler Munde sein, die Orgel im Großen Saal ist noch immer ein Geheimtipp. Welch Klangwunder da schlummern, offenbart Iveta Apkalna: Die Titularorganistin zog des Nachts im Klassik-Tempel alle Register ihrer Kunst und erforscht ebenso unbekannte wie ungeahnte Sphären des 20. Jahrhunderts.

KünstlerIn des Jahres

Der Pianist, der aus der Kälte kam: Da muss erst ein Isländer wie Víkingur Ólafsson auftauchen, um uns Abseitiges aus Bachs Opus aufzuzeigen – und klug mit Transkriptionen von des Meisters Schaffen zu kombinieren. Seltenes Glück eines Künstlers, der nach dem eigenen Charakter der Werke gründelt!

Überraschung des Jahres

Lucas Debargue! Klar, die Geschichte des Tasten-Exzentrikers, der erst spät wieder vom Bass ans Klavier fand und dann gleich bei seinem ersten Auftritt mit Orchester in Moskau beim Tschaikowski-Wettbewerb den vierten Platz eroberte, kennt inzwischen jeder. Dass der Franzose sich indes auch über diesen Medien-Hype hinaus in der ersten Konzertreihe halten würde, hat ihm kaum einer zugetraut – Chapeau!

Muss dass sein?

Aus dem Echo Klassik wurde der Opus Klassik – doch die peinliche Selbstbeweihräucherung der Branche ging weiter. Angeblich soll nun 2019 alles anders werden – wer es glaubt, glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann…

Überbewertet

Akustiker: Ein Berufsstand, dem beim Konzertsaalbau gern magische Fähigkeiten attestiert werden. Leider indes eine Fehleinschätzung, wie seit ihrer Eröffnung gerade die Elbphilharmonie immer wieder beweist. Ganz normale physikalische Gesetze verlieren eben selbst im Angesicht einer „Weißen Haut“ nicht ihre Gültigkeit.

Unterbewertet

Albumcover mit Männern: Als dem Klassikmarkt vor zwei Jahrzehnten die Käufer wegzubrechen begannen, versuchten es die Labels mit einem Pop-Mittel und verpassten jungen Künstlerinnen erotische Outfits – für die Herren indes fiel ihnen nichts ein… Nun beweisen die Männer, dass es auch origineller geht: Ob Gautier Capuçon mit Cello auf dem Gletscher, Víkingur Ólafsson im Eis-Kaleidoskop oder Nigel Kennedy mit US-Straßenkreuzer – manchmal bringt weniger (Haut) doch mehr (Hingucker).

Merkwürdigkeit des Jahres

Politische Taktlosigkeit: Zum Abschied vom CDU-Partei-Vorsitz erhielt Angela Merkel jenen Taktstock, mit dem Kent Nagano während des G20-Gipfels in Hamburg für die Staatsgäste in der Elbphilharmonie Beethovens Neunte dirigiert hatte – während die Stadt im Krawall-Chaos der Gipfelgegner versank.

Meine heimliche Liebe

Maria Baptist: Angefangen hat es 2014 mit ihrem „Self-Portrait“ – ein pianistischer Seelen-Striptease mit einer unendlichen, oft traumversunken melancholisch gefärbten Leichtigkeit des Tasten-Seins, in die ich mich schlicht verliebt habe. Und auch auf ihrem jüngsten Album „Resonance“ horcht die Berlinerin mit ihren Solo-Improvisationen wieder in sich hinein, betört mit Sinnlichkeit, melodiöser Hingabe und romantischen Schöpfungen. Und aus Verliebtheit ist längst Liebe geworden…

Robert Fraunholzer

Platte des Jahres

Brahms: Die Sinfonien – Scottish Chamber Orchestra, Robin Ticciati – Linn/Note 1

KünstlerIn des Jahres

Cecilia Bartoli als „Italiana in Algeri“, live in Salzburg

Überraschung des Jahres

Die Sängerin mit dem Milchschokoladen-Mezzo: Lucile Richardot („Perpetual Night – 17th Century Ayres and Songs“, harmonia mundi)

Muss das sein?

Warum werden Sopran-Stimmen – Beispiele: Diana Damrau, Olga Peretyatko oder Barbara Hannigan – immer kälter im Klang?!

Überbewertet

Anne-Sophie Mutter, Jonas Kaufmann, Lang Lang etc.: Ist der Ruf erst etabliert, verdient sich’s völlig ungeniert.

Unterbewertet

Immer noch zu wenige! Die Kritiker sind zu großzügig.

Merkwürdigkeit des Jahres

Der Erfolg Leonard Bernsteins als Komponist. Sein 100. Geburtstag bedeutete den Durchbruch für Lennys eigene Werke.

Meine heimliche Liebe

Juan Diego Flórez – Bésame Mucho (Sony) – Mit dem Zeug kann man mich sonst jagen. Hier schmelze ich dahin.

Regine Müller

Platte des Jahres

Daniil Trifonov: „Destination Rachmaninov: Departure“ (DG/Universal)
Trifonovs Einspielung von Rachmaninows populärem zweiten und dem ungleich unpopuläreren vierten Klavierkonzert mit den nicht als Puffer, sondern als Sinnenschärfer fungierenden drei Sätzen aus Bachs E-Dur Partita für Geige in der Klavierfassung von Rachmaninow: Fulminant!

KünstlerIn des Jahres

Die litauische Sopranistin Asmik Grigorian spielte bei den Salzburger Festspielen in Romeo Castelluccis ungeheuer konzentrierter „Salome“-Inszenierung die Titelrolle als eine rätselhafte, fast androgyne Figur, die ihr eisiges Geheimnis bewahrt, ihre magische Bühnenpräsenz aus der Reduktion äußerer Aktion speist und Strauss’ mörderische Partie mit lyrisch grundiertem Spinto glühend intensiv meistert.

Überraschung des Jahres

Franz Liszts Opernfragment „Sardanapalo“, von dem es einen ersten Akt gibt, schlummerte seit über hundert Jahren im Liszt-Nachlass des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs. Dort wurde es im August ausgegraben: die belcantistisch beschwingte Behandlung der Chorstimmen und die eingängige, mit sämigen Legati arbeitende Melodik klingen fast nach Bellini oder Donizetti, originell und vital. Liszt wollte die italienische Oper voranbringen, hat diesen Weg aber nicht weiterverfolgt.

Muss das sein?

Seit geraumer Zeit tobt ein unschöner Machtkampf am Theater Halle: Die Intendanten der Sparten Theater und Oper in Halle, Matthias Brenner und Florian Lutz, die laut Vertrag seit 2016/17 dort innovatives Theater machen sollen und tatsächlich mit originellen Formaten reüssieren – auch wenn das einen Teil der Abonnenten verscheucht – machen die Verlängerung ihrer Verträge von der Personalie des Geschäftsführers Stefan Rosinski abhängig, da sie massive Einmischung in ihre künstlerischen Belange beklagen. Rosinski sorgt nicht zum ersten Mal in seiner Karriere für Ärger. Warum kriegen solche Leute immer wieder tolle Jobs?

Überbewertet

Immer wieder werden Stars der Bildenden Kunst als Opernbühnenbildner verpflichtet: Ein besonders prominentes Beispiel für dieses Missverständnis war Neo Rauchs Debüt als Bühnenbildner für den neuen Bayreuther „Lohengrin“. Zumal Yuval Sharons defensive Nicht-Regie sich unter Rauchs muffigen Bildern wegduckte.

Unterbewertet

Das Grazer Festival „Styriarte“ wurde einst von Nikolaus Harnoncourt gegründet und bietet unter der Leitung von Mathis Huber eine klug austarierte Mischung aus der Feier des kulturellen Erbes, der Entdeckung unbekannter Schätze, der Aktualisierung von sattsam Bekanntem und der kritischen Betrachtung der brisanten Themen der Gegenwart.

Merkwürdigkeit des Jahres

Die Querelen um Stefanie Carp, neue Intendantin des renommierten Edel-Festivals Ruhrtriennale, die schon vor dem Beginn ihrer ersten Spielzeit ins Zentrum einer kontrovers geführten politischen Debatte um ihre Ein-, Aus- und Wiedereinladung der mit dem BDS sympathisierenden Band „Young Fathers“ geriet – über der künstlerische Fragestellungen weit in den Hintergrund gerückt sind. Nun hat man ihr den künstlerischen Betriebsdirektor Jürgen Reitzler als Stellvertreter, sprich: Aufpasser zur Seite gestellt. Peinlich und teuer.

Meine heimliche Liebe

Der Dokumentarfilm „Der Klang der Stimme“ von Bernard Weber geht dem Phänomen der menschlichen Stimme nach. Vom Jodeln über Chorgesang, Stimmtherapie bis zum Operngesang versucht er, die Magie der Stimme zu ergründen. Ein stiller und berührender Film.

Stephan Schwarz-Peters

Platte des Jahres

Víkingur Ólafsson: „Johann Sebastian Bach“ (DG/Universal)
So schlicht der Name des Albums, so streng-steril sein Cover: Auf seiner zweiten CD für die Deutsche Grammophon haucht der isländische Pianist Víkingur Ólafsson dem Konzertflügel Leben ein, vereinigt tiefgehendes musikalisches Denken mit tiefgehender Emotionalität zu einem vielfarbigen Ganzen. Hinreißend, diese Huldigung an den größten Thomaskantor aller Zeiten.

KünstlerIn des Jahres

Auch wenn er schon lange nicht mehr unter uns weilt: Als Symbolfigur für weltumspannende Menschlichkeit und die Macht der Musik hat Leonard Bernstein auch fast 30 Jahre nach seinem Tod nichts von seiner Ausstrahlungskraft verloren. Wo ist das nächste Universalgenie in Sicht, das seine Arbeit fortführen wird?

Überraschung des Jahres

Elsa Dreisig, deren Karriere rasant an Fahrt aufnimmt. Diskographisch besonders beeindruckt hat die französisch-dänische Sopranistin mit der Hammerstimme und der Hammerausstrahlung 2018 mit ihrer Solo-CD „Miroirs“ (Warner). Plötzlich möchte man Salomes Schlussgesang aus der gleichnamigen Strauss-Oper nur noch im Ursprungsfranzösisch von Oscar Wilde hören. Stark!

Muss das sein?

Ach, Plácido Domingo, du herrlicher Tenor, du spät berufener Bariton und gelegentlicher Dirigent! Hättest du nicht den Verlockungen des Bayreuther Orchestergrabens widerstehen können? Mit Deinem Debüt-Dirigat der „Walküre“ an derart vermintem Ort dürftest Du es zweifelsohne in die Liste der größten Festspiel-Merkwürdigkeiten aller Zeiten geschafft haben. Die Buhs hättest du dir sparen können.

Überbewertet

Bildende Künstler an der Oper. Zugegeben: Neo Rauchs Bayreuther „Lohengrin“-Visionen hatten was. Im Großen und Ganzen kann die Verpflichtung hoch gehandelter Kunststars aber nicht das fehlende szenische Konzept ersetzen. Dass sich, wer so denkt, im Irrtum befindet, hat vor wenigen Monaten eindrucksvoll die Bayerische Staatsoper bewiesen, die mit Georg Baselitz’ düster-leerer „Parsifal“-Ausstattung mehr langweilte als verstörte.

Unterbewertet

Die Operette gewinnt nach und nach ihre Fans zurück. Doch was ist mit den anderen Repertoire-Perlen vergangener Tage? Stichwort Deutsche Spieloper: Lortzing, Flotow, Nicolai und Co. haben auch heute noch einiges zu sagen und machen sich nicht nur auf Klein- und Kleinstbühnen gut.

Merkwürdigkeit des Jahres

Nix gegen ABBA und auch nichts gegen Benny Anderssons Auszeichnung in der Kategorie „Klassik ohne Grenzen“ – aber muss man beim Finale des größten deutschen Klassik-Preises, beim zum OPUS umfrisierten ehemaligen ECHO KLASSIK, ausgerechnet „Thank you for the Music“ anstimmen? Man möchte ja nicht gleich mit dem „Untergang des Abendlandes“ um die Ecke kommen, aber…

Meine heimliche Liebe

… ist gar nicht so heimlich, sondern ziemlich öffentlich und vernehmbar – vor allem im Jahr 2019: Jacques Offenbach, die wohl gelungenste deutsch-französische Co-Produktion in Sachen Musik, noch immer die ultimative Synthese kölschen Esprits und Pariser Frohsinns (oder umgekehrt).

Matthias Siehler

DVD des Jahres

Stefan Herheim (Regie) – Tschaikowski: Pique Dame (BelAir/Naxos)
Eine sowieso schon gute Oper wird in dieser elegant-aufregenden Regielesart noch besser. Und dann dirigiert Mariss Jansons!

KünstlerIn des Jahres

Joyce DiDonato. Eine unglaublich vielseitige, intelligente und charismatische Künstlerin, die sich von Barock bis Berlioz und dem Lied des 21. Jahrhunderts zu immer neuen Vokalhöhen aufschwingt.

Überraschung des Jahres

„Bach 333“ (DG/Universal) – Nein, die Boxenfleddereien der Katalogauswerter werden nicht langweilig. Klug gemixt, erhellend zusammengestellt – und mit viele Neuaufnahmen. Einfach exemplarisch.

Muss das sein?

Rolando Villázon, jetzt sogar im Duett mit Sascha (auf der schrecklichen CD „Feliz Navidad“ – DG/Universal). Er hat so viel andere Talente, kann er nicht das Singen einfach lassen?

Überbewertet

Theodor Currentzis dirigiert Mahler: 6. Sinfonie (Sony) – Eine ordentliche, aber keineswegs eine außerordentliche Interpretation, bei der allzu oft der Deckel vom Temperamenttopf fliegt.

Unterbewertet

Immer noch Paavo Järvi. In stetiger Folge legte er mit dem Pänu Festival Orchestra, der Bremer Kammerphilharmonie oder eben dem Orchestre de Paris eine tolle CD nach der anderen auf.

Merkwürdigkeit des Jahres

Die peinliche Pop-Echo-Farce, die den platten Klassik-Award gleich mit sich hinwegzog. Der Nachfolger Opus Klassik muss sich freilich erst noch als unabhängig und innovativer beweisen…

Meine heimliche Liebe

Juan Diego Flórez: Besame Mucho (Sony) – Keiner haucht so balsamisch schön „Cucurrucucu Paloma“, allein mit seiner Gitarre.

Werner Stiefele

Platte des Jahres

Norma Winstone: Descansado (ECM/Universal)
Nüchtern, ansatzlos, je nach Inhalt zerbrechlich, rau oder auch nachdenklich: Mit 76 Jahren singt Norma Winstone so wunderbar, dass ihre Interpretationen aus der Zeit gerückt erscheinen.

KünstlerIn des Jahres

Cécile McLorin Salvant: The Window (Mack Avenue Records/in-akustik) – Besser als Cécile McLorin Salvant und Sullivan Fortner können eine Sängerin und ein Pianist kaum harmonieren. Die zwei covern Klassiker aus dem American Songbook mit eigenständigen Interpretationen.

Überraschung des Jahres

Vertigo Trombone Quartet: The Good Life (Nwog Records/Edel:Kultur) – Nils Wogram, Andreas Tschopp, Bernhard Bamert und Jan Schreiner kosten die Farbenpracht von drei Posaunen und einer Bassposaune aus: 65 Minuten Hörvergnügen vom Feinsten.

Muss das sein?

Manchmal erscheinen Aufnahmen aus Rundfunkarchiven, die einfach schlecht sind und am Image der Künstler kratzen. Müsste eigentlich nicht sein.

Überbewertet

Die Hoffnung, durch Events und Niveausenkung ein neues Publikum für Klassik und Jazz gewinnen zu können.

Unterbewertet

Katrin Scherer’s Cluster Quartet (Green Deer Music/office4music.com) – Stimmige, ausdrucksstarke und gefühlvolle Gratwanderung zwischen intimer Balladenseligkeit, Powerplay, Free und Harmonie in ungewöhnlicher Besetzung mit Saxophonen (Katrin Scherer), Posaune (Moritz Wesp), Kontrabass (Stefan Schönegg) und Schlagzeug (Leif Berger).

Merkwürdigkeit des Jahres

John Coltrane: Both Directions At Once – The Lost Album (Impulse/Universal) – Die gehypte Veröffentlichung hört sich an wie eine locker runtergespielte Mikrofonprobe für die am nächsten Tag anstehenden Aufnahmen mit dem Sänger Johnny Hartman an. Die spätere Veröffentlichung „1963: New Directions“ (Impulse/Universal) ordnet den Fund in den Kontext der Entstehungszeit ein. Hätte man gleich so machen können.

Meine heimliche Liebe

Jean-Yves Thibaudet: The Magic of Satie (Decca/Universal) – Habe ich für eine Rezension mal wieder in den Player gelegt. Seitdem genieße ich immer wieder, wie sensibel Jean-Yves Thibaudet den Kompositionen Eric Saties einen Kosmos an Klangfarben verleiht.

Michael Wersin

Platte des Jahres

Wie könnte man sich da entscheiden? Versuchen wir’s mit einem Spaltklang: Einerseits Nikolai Luganskys Rachmaninow-Rezital (harmonia mundi), andererseits Musik aus dem „Las Huelgas Codex“ („Fons luminis“, Ensemble Gilles Binchois – harmonia mundi). Unterschiedlicher kann Musik kaum sein, aber wie wunderbar ist es, das wir das heute alles Panorama-artig vor uns haben.

KünstlerIn des Jahres

Schön ist es, junge Sängerinnen oder Sänger am Beginn ihrer Karriere zu erleben. Allerdings: durch Erfahrung ernüchtert fürchtet man oft um das Heil der hochgejubelten Talente – wie oft machen sich Abnutzungserscheinungen schon nach kurzer Zeit bemerkbar! In diesem Sinne hoffe und bange ich für Elsa Dreisig und Sabine Devieilhe.

Überraschung des Jahres

„Bach 333“ (DG/Universal) – Ich bewundere die innere Erneuerungskraft, die auch im Hause Universal nach Jahren betrüblicher Entwicklungen wieder zu Betriebszuständen führt, die ein Projekt wie diese fabelhafte, durchdachte, opulente und vielfältige Gesamtschau des Bachschen Œuvres möglich machen.

Muss das sein?

William Christies h-moll-Messe (LAF/harmonia mundi) – Echt ein Schocker: Warum leistet sich ein so verdienter Mann mit einem so zentralen Werk der Musikgeschichte eine solche Pleite – Eitelkeit oder verlorener Überblick?

Meine heimliche Liebe

Immer noch, immer wieder: Die Stimmen längst verblasster Sängerinnen und Sänger. Im vergangenen Jahr gab es einige tiefe Begegnungen mit Fritz Wunderlich, diesem unfassbar zeitlosen, immer und immer wieder zutiefst bewegenden Einzigartigen.

Marcus Woelfle

Platte des Jahres

John Coltrane: Both Directions At Once (Impulse/Universal)
Keineswegs eines der besten Alben von Coltrane, aber vermutlich die Neuerscheinung, über die ich mich am meisten gefreut habe.

KünstlerIn des Jahres

Cécile McLorin Salvant.

Überraschung des Jahres

Für gewöhnlich sind Debütanten um die zwanzig. Der kanadische Gitarrist Ron Halldorson hat mit fünfundsiebzig die beiden ersten Alben unter eigenem Namen vorgelegt: „Happy Talk“ und „Duologue“. Man fragt sich, wie so ein Riesentalent so lange verborgen bleiben konnte. Jede Nuance wird ausgekostet, bei höchster Ökonomie der gestalterischen Mittel: ein differenzierter Anschlag, vollkommenes Timing, logischer Ideenfluss und ein sanft herausschwingenden Ton, bei dem einem warm um das Herz wird.

Muss das sein?

Nein, nicht jeder Sänger, der von einer Bigband begleitet wird, singt Jazz. So wie Filmmusik nicht automatisch zur Klassik zählt, allein weil Geigen verwendet werden.

Überbewertet

Rund die Hälfte der Alben in den Jazz Charts.

Unterbewertet

Wo fängt man an, wo hört man auf? 2018 starben z. B. Christian Burchard, Paulo Cardoso, Buell Neidlinger, Nathan Davis, Sonny Fortune, Mikhail Alperin, Bill Watrous, Zipflo Weinrich, Randy Weston, Hamiet Bluiett, Urbie Green. An der Kürze der Nachrufe in den Tageszeitungen bzw. deren Fehlen, kann man ersehen wie unterschätzt gute Jazzmusiker sind.

Merkwürdigkeit des Jahres

Die überall um sich greifende Nachlässigkeit. Da erschien z.B. auf dem Label „Documents“ die 10-CD-Box „Jazz & Swing in der DDR, 1947-1962“. Was hätte man aus so einem Thema machen können! Ohne Begleitheft, ohne Besetzungsangaben oder sonstige Informationen ist so etwas verschenkt.

Meine heimliche Liebe

Das bleibt mein Geheimnis.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Seine fröhlichen Werktitel wie „Rheinische Sinfonie“ oder „Frühlingssinfonie“ lassen einen bei Robert Schumann manchmal denken, er sei eine unbeschwerte Frohnatur gewesen. Dabei hat wohl kaum ein anderer Komponist so mit sich und dem Leben gehadert und zugleich sich selbst immer wieder so grandios aus den Tiefen der Depression in die Höhenflüge der Musik gerettet wie Schumann. Seine zweite Sinfonie entstand in einer Zeit, in der sich der Komponist von einer schweren Lebens- und […] mehr »


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