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At Onkel Pö’s Carnegie Hall

Chet Baker

Jazzline/Delta Music N77038
(100 Min., 4/1979) 2 CDs

Im Rückblick erweisen sich die 1970er Jahre als die goldene Epoche des Modern Jazz in Deutschland. Während in den USA das große Club-Sterben einsetzte, gab es hierzulande mit dem domicile in München und Onkel Pö’s Carnegie Hall in Hamburg zwei Leuchttürme dieser Art intimer Spielstätten. Sie erfuhren tatkräftige Unterstützung von den ortsansässigen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Nach und nach werden die dort lagernden Schätze gehoben. Bei Jazzline sind jetzt die Mitschnitte der Gastspiele von Dizzy Gillespie, Johnny „Guitar“ Watson und Chet Baker im Onkel Pö in den Formaten CD, LP und DL erschienen. Von besonderem Interesse ist der Auftritt von Chet Baker. Der einstige James Dean des Cool Jazz war zutiefst von seiner jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit gezeichnet; immer wieder bereiteten die Zähne dem Trompeter Probleme. Im April 1979 brachte er eine erstaunlich kohärente Band herausragender Musiker in die Hamburger Spielstätte. Mit Phil Markowitz hatte er einen von ihm hoch geschätzten Musiker am Klavier, der Sensibilität und Geläufigkeit mit einem satten Quantum Funkiness zu verbinden verstand. Am Schlagzeug war mit Charlie Rice ein weiterer amerikanischer Lieblingsmusiker Bakers in der Band, und Jean-Louis Rassinfosse aus Belgien hatte sich bei Baker bereits als zuverlässiger Anker am Kontrabass bewährt. Das Programm bestand aus drei Standards und je einer Wayne-Shorter- und Richie-Beirach-Komposition. Alle Bandmitglieder hatten Gelegenheit, sich ausführlich zu entfalten. Baker beeindruckte mit ausgedehnt fragilen lyrischen Linien, aber auch mit ungewohnt virtuosen Exkursen voller Glut und pointierter Zwiesprache mit dem Schlagzeug, dem er nahezu lärmende Intensität zugesteht. Bakers hier dokumentierter kraftvoller Umgang mit tänzelnden Jazzrockrhythmen und pulsierenden Latin Grooves sind eine seltene Erfahrung. Gewohnt dagegen, aber alles andere als Routine ist sein anrührend zerbrechlicher Scat-Gesang. Schade nur, dass der Bass-Sound von elektrifizierter Fettleibigkeit getrübt wird.

Thomas Fitterling, 25.03.2017



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