Was bei Bach am meisten zu vermeiden sei, so John Eliot Gardiner in seiner Bach-Monografie, sei „der Trott“. Auch bei Passionen und Kantaten müsse der tänzerische Charakter der Musik gewahrt bleiben. Wohl wahr! Gardiner folgt diesem Grundsatz auch in seiner neuesten Matthäus-Passion leichtfüßig, ohne mindeste Abstriche beim Ernst der Sache.
Es ist Gardiners zweite Gesamteinspielung des Oratoriums in 25 Jahren. Damals – 1989 – bildete er mit dem samtig konsonanten, warmen Ensembleklang die Speerspitze der Bach-Interpretation; während man die Passionen zuvor entweder pathetisch traditionell oder nüchtern ausgezehrt hatte klingen lassen. Gardiners größtes Pfund war – und ist noch heute – sein fulminant klangschöner, warm timbrierter Chor. Dennoch hat sich der Dirigent niemals so konsequent zum Großmeister seines Herrn aufgeschwungen wie ihm dies bei Monteverdi, Händel, Schumann und sogar bei Strawinski gelingen sollte.
Als Präsident des Leipziger Bach-Archivs ist Gardiner heute institutionell mächtiger verankert denn je. Sein Bach-Bild indes hat sich musikalisch nicht wesentlich fortentwickelt. Stattdessen halten die Sänger, die er als Solisten aufbietet, nicht das Niveau ihrer Vorgänger (darunter damals Anne-Sofie von Otter und Michael Chance).
Manches klingt runder, flüssiger, aufgeräumter, sogar heiterer als früher. Dem Monteverdi Choir wachsen in den Chorälen wahrlich Flügel. Dass Gardiner es sich zur Angewohnheit gemacht hat, die Soli aus dem Chor heraus zu besetzen, kommt der Persönlichkeit und Unverwechselbarkeit der Stimmen hingegen nicht zugute, sondern schränkt den Rang der Aufnahme entschieden ein. Einzig James Gilchrist als (etwas meckeriger) Evangelist kann an frühere Gardiner-Individualisten anknüpfen. Die live in Pisa mitgeschnittene Aufführung (ohne Applaus) kann Gardiners eigene Konkurrenzaufnahme also keinesfalls toppen.

Robert Fraunholzer, 25.03.2017



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