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A Multitude Of Angels

Keith Jarrett

ECM/Universal 5702466
(297 Min., 10/1996) 4 CDs

Neue Veröffentlichungen des Pianisten Keith Jarrett wecken stets hohe Erwartungen. Womit überrascht er? Wie fließen seine Gedanken? Wie hält er Spannungsbögen? Wie lange trägt ein Motiv? Überdehnt er es in seiner Gedankenverlorenheit? Wie findet er heraus? Oft ist es ein völlig aus der Reihe fallender Ton, den er – manchmal angekündigt durch ein unüberhörbares Brummen – ausprobiert, den er dann beantwortet, für gut befindet, mit einem Teil des vorherigen Themas verknüpft, etwas Neues konstruiert, ein überraschtes „Aah“ absondert und das frisch entstandene Material auslotet. Oder er beginnt – wie im Verlauf des zweiten Stücks im Turiner Konzert – zu stampfen, greift diesen Rhythmus auf und entwickelt scheinbar aus dem Nichts ein kraftvolles Ostinato der linken Hand, über das er mit den Fingern der rechten tanzt. Das Konzert in Ferrara hingegen leitet er mit einer bedächtigen, fast vierzigminütigen Improvisation ein, bei der seine Themen organisch ineinander überfließen, zwischendurch in einem munteren Wasserfall kulminieren und sich zu einem fast rockenden Finale steigern: ein Highlight der Box. Die vier Konzertmitschnitte aus dem Oktober 1996, aufgenommen am 23. in Modena, 25. in Ferrara, 28. in Turin und 30. in Genua dokumentieren mit einer Gesamtdauer von fast fünf Stunden dieses permanente Weitermachenmüssen und Nichtaufhörenkönnen und – zum Abschluss des Konzerts in Modena – auch Jarretts Erleichterung und Freude über das Durchgestandenhaben, indem er so heiter wie selten den Bluesboogie „Danny Boy“ als Zugabe spielt. Das alles kostet Kraft, das verbrennt Energie, das erschöpft. So zeugen manche Passagen auch von Jarretts unbeugbarem Durchhaltewillen, die geforderte Konzertdistanz zu überwinden und sich und dem Publikum etwas mehr als eine Stunde alles zu geben, was er an Konzentration, Fantasie und Erfahrung aufbringen kann. Fast symbolisch wirkt das Finale dieser vier Konzerte. Mit einer leisen Zugabe „Over The Rainbow“ beendet er am 30. Oktober in Genua diesen Zyklus. Schon wenig später warf ihn das Chronic Fatique Syndrom aus der Bahn: eine Erschöpfungskrankheit, die ihre Opfer matt, müde und handlungsunfähig macht. Durch diese Krankheit war Keith Jarrett fast zwei Jahre lang nicht in der Lage, auch nur eine Klaviertaste zu drücken. Erst die Idee, als privates Weihnachtsgeschenk für seine Frau Rose Anne einige bekannte Jazzstandards aufzunehmen, brachte ihn Ende 1998 wieder ans Instrument zurück. Nun bescherte er ihr, sich und seinem Publikum die im Herbst 1999 veröffentlichte Platte „The Melody At Night With You“, in der er die Melodienseligkeit der Genueser Zugabe fortsetzt. Mit ihr hat er zudem die Phase der langen fließenden Improvisationen beendet. Nach seiner Genesung überraschte er das Publikum seiner Solokonzerte mit knappen, hoch konzentrierten, virtuosen Miniaturen und Kurzimprovisationen.

Werner Stiefele, 24.12.2016



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