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Chronosome

Ikarus

RoninRhythm Records/Galileo RON016
(46 Min., 2016)

Über das Wortspiel im Albumtitel ließe sich trefflich tiefgründelnd spekulieren, doch der Name der Band ist für die sprachliche Vermittlung der Musik dieses außergewöhnlichen Quintetts eindeutig ergiebiger, vor allem wenn man den schweizerischen Kontext betrachtet. Der Flugschüler Ikarus ist ein enger Geistesverwandter der Hildegard, die vom Schweizer Sänger Andreas Schaerer in dessen Band „Hildegard Lernt Fliegen“ in der Areonautik unterwiesen wird. Bislang sind Hildegard und der alpenländische Ikarus von Abstürzen verschont geblieben, vielmehr geraten ihnen ihre Bahnen zu immer kühneren Volten. Bei Ikarus ist der Schlagzeuger Ramón Oliveras Fluglehrer und -ingenieur. Das Fluggerät ist ein klassisches Klaviertrio mit Lucca Fries am Klavier, Moritz Meyer am Bass und Ramón Oliveras, dem Leader und Komponisten, am Schlagzeug; für die Strömungssteuerung sorgen die Sängerin Stefanie Suhner und ihr männlicher Widerpart Andreas Lareida. „Evocative Jazz“ nennt das Quintett seine Musik. Genre übergreifend verschmelzen sie Melodien, Rhythmen und harmonische Texturen in langen zyklischen Reihungen und Überlagerungen. Das erinnert sehr stark an Minimal Music. Durch Überlagerung unterschiedlicher ungerader Metren entstehen schwebende Schichtungen, deren Akzente sich zu Melodierhythmen verdichten und deren Implikationen von den Singstimmen träumerisch lustvoll ausgedeutet werden. Der flugbereite Zuhörer erlebt in gelassenem Gleitflug sich immer neu und aufregend gruppierende Topografien und erfährt so ein einmaliges Hör- und Sinneserlebnis.

Thomas Fitterling, 26.11.2016



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