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Johann Sebastian Bach

Erbarme dich (Arien aus Kantaten)

Reinoud Van Mechelen, A Nocte Temporis

Alpha/Note 1 ALP252
(69 Min., 5/2016)

Eigentlich müsste noch jemand auf dem CD-Cover namentlich erwähnt werden: André Silbermann, der Erbauer der herrlichen Orgel der Kirche Ste.-Aurelie in Strasbourg, die hier durchgehend zum Einsatz kommt. Denn tatsächlich ist diese Orgel, kompetent gespielt von Benjamin Alard, der heimliche Star dieses abwechslungsreichen Bach-Programms: Als Continuo-Instrument hüllt sie den Sänger ganz anders ein als eine Truhenorgel oder droht ihn sogar zu überdecken, wenn – bei zweimanualigem Spiel – die Bassstimme text- und affektgemäß (von Hölle und Satan ist in der Arie aus BWV 107 die Rede) von einem Zungenregister gespielt wird.
Faszinierend ist der klangliche Effekt, wenn Alard vom Adagio der Triosonate g-Moll (BWV 1039) nur Bass und eine der Oberstimmen spielt, während die andere Oberstimme von Anna Besson auf der Traversflöte dargeboten wird: So flötengleich ist das gewählte Orgelregister, dass man schon die Ohren spitzen muss, um nicht der Illusion zu erliegen, man höre zwei Traversflöten.
Eine große Orgel als Continuoinstrument war sicher vielerorts die historische Realität, aber heute hören wir fast ausschließlich Truhenorgeln. Wie anders das Mischungsverhältnis ist, sollte zu denken geben; auch die Art der Aussetzung des Continuo-Parts wäre vor diesem Hintergrund zu überdenken: Benjamin Alard experimentiert teilweise mit einer nicht so sehr akkordisch ausgerichteten, sondern geringstimmigen und damit stärker melodisch am Satzgeschehen partizipierenden Aussetzung.
Großartig klingen an der Silbermann-Orgel auch die Choralvorspiele, die Alard ins Programm einstreut – ein weites Spektrum vorbildlich dargebotener Kirchenmusik des Thomaskantors tut sich auf. Der Tenor Reinoud Van Mechelen partizipiert daran mit kraftvoll-wohlklingendem Timbre, aber leider mit aspirierten Melismen und mit einem phonetisch nicht immer ganz sattelfesten Deutsch – wenige Minuspunkte, die aber den Wert dieser CD als Hörerlebnis kaum schmälern.

Michael Wersin, 19.11.2016



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