Jetzt wird es aber wirklich langweilig mit diesen ewigen Elogen. Vor allem macht man sich als Rezensent ja unglaubwürdig, wenn man bei jeder neuen CD von Joyce DiDonato behauptet, sie sei womöglich noch besser als die vorherige, die schon so unfassbar gut war. Doch genau so ist es. Es gibt derzeit höchstens eine Handvoll Sängerinnen, denen man mit so viel Genuss und Begeisterung zuhört wie ihr. Weshalb es in diesem Fall alles andere als uncharmant ist, das Alter der Lady anzuführen, die ihre Stimme auch in der zweiten Vierziger-Hälfte in einem so anbetungswürdigen Zustand hält.
Mit „In War & Peace“ kehrt die (Mezzo-)Sopranistin nach ihrem Belcanto-Album „Stella di Napoli“ wieder ins 18. Jahrhundert zurück. Händel und Purcell machen gut zwei Drittel des Programms aus, Jommelli und Leo steuern drei fulminante Ersteinspielungen bei, die alles an Virtuosität abverlangen – und von DiDonato mit geradezu ungehöriger Selbstverständlichkeit bewältigt werden. Doch ist die technische Souveränität wie immer nur eine Facette ihrer Kunst. Gerade in der vordergründig akrobatischen Arie „Prendi quel ferro, o barbaro!“ aus Leos „Andromaca“ zeigt sie hochexpressiv das Gefühlschaos der Figur auf.
Hört man dann, mit welcher Delikatesse DiDonato die Purcell-Ausschnitte (besonders betörend „They Tell Us“ aus „The Indian Queen“) oder mit welcher ganz der Musik vertrauenden Schlichtheit sie „Lascia ch'io pianga“ singt, möchte man spontan ihren Vornamen modifizieren und sie künftig nur noch Joy nennen.

Michael Blümke, 05.11.2016



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