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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



Sie ist schön, sie hat eine tolle Stimme, sie ist kein Twen mehr: Gute Voraussetzungen für die russische Sopranistin Anna Netrebko, auf sicherer Basis eine wirklich große Karriere zu starten. Sie wird als neuer Star am Sängerhimmel präsentiert, und entsprechend enthusiastisch lobt die Presse ihr Arien-Rezital, in dem sie von Mozarts Ilia bis Massenets Manon, von Dvořáks Rusalka bis Puccinis Musetta eine beachtliche Zahl verschiedener Opernfiguren bzw. -charaktere verkörpert. Kein Zweifel: Sie kann mir ihrer unverkennbar und ansprechend timbrierten Stimme wunderbare Dinge machen, sie kann locken, liebkosen, schmeicheln und schwelgen. Was sich dabei jedoch nur selten löst, ist ein Zugriff der Kehlkopfmuskulatur, der zumindest den Autor dieser Rezension beunruhigt. Frau Netrebkos Stimme läuft nicht wirklich locker. Hört man ihr länger zu, dann werden auch die Folgen dieser Festigkeit ohrenfällig: Viele Spitzentöne fallen ihr nicht wirklich leicht, in bewegteren Passagen verhakt sie sich immer wieder einmal. Ihre Manon kann aus gesangstechnischen Gründen nicht so kokett sein wie einst etwa die von Victoria de los Angeles, und weil die Koketterie nicht wirklich zu Tage tritt, fehlt auch die Dimension der ausgekochten Durchtriebenheit. Deutlicher treten die Probleme in "Quand j’aurai votre âge" aus Berlioz’ "Benvenuto Cellini", und auch mit "Regnava nel silenzio" aus Donizettis Lucia di Lammermoor kann der Rezensent nicht glücklich werden. Unter anderem von Renata Scotto sei Anna Netrebko ausgebildet worden, verrät das Beiheft. Hoffentlich behält Frau Scotto auch jetzt noch ein Auge auf ihrer einstigen Schülerin; hoffentlich muss diese begabte Sängerin nicht den bitteren Weg einer schonungslosen Vermarktung gehen, der schon für viele ihrer Vorgänger schnell ins Abseits führte.

09.08.2003



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