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The Bell

Ches Smith

ECM/Universal 4752954
(68 Min., 6/2015)

Ein Glockenklang, der sich selber nachlauscht, ein lang gezogener Bratschenton kurz mit dünnen Klavierclustern begleitet, bevor das Klavier sanft tremolierend auf einer Tonalität beharrt, dazu ein ruhiges Kürzelmotiv der Bratsche in diskreter variierender Wiederholung. Ein Vibrafon ballt es zu tupfend eingeworfenen Akkorden, die das Klavier quasi zirkulär in Arpeggien überführt. Kurze Paukenwirbel punktuieren das Kontinuum, das im Schluss-Klang der Glocke quintessenzielle Maximal-Reduktion erfährt. Ches Smith, der Schlagwerker an Drumset, Vibrafon und Pauke, ist der Bandleader dieses ganz und gar ungewöhnlichen Trios. Von ihm stammen auch die skizzenhaften Kompositionen, die sich in freier organischer Improvisation vollenden sollen. Der Pianist ist Craig Taborn, und Mat Maneri spielt Bratsche. Mit diesem Verfahren, das einem Sinn für abstrakte Melodik verpflichtet ist und weitestgehend auf üblichen Jazz- und Popformeln verzichtet, entwickelt die Musik einen magischen Sog, und sicher hat auch Produzentenaltmeister Manfred Eicher mit seiner kongenial schützenden und führenden Hand erheblichen Anteil an dieser Wirkung. Manchmal klingt es, als würde sonst so überbordende Minimalmusik mit den Mitteln größtmöglicher Reduktion auf die wesentlichen Minimaleinheiten heruntergebrochen, als sei das ganze Album ein eingelöstes Versprechen des Schlussklangs der Glocke aus dem Eingangstitelstück. Ungefähr ab der Mitte des Albums allerdings drehen die drei Improvisationsmeister der Reduktionsrigorosität schon auch mal eine Nase und ergehen sich lustvoll in fetziger Rhythmik, ohne dass aus dem Geschehen nun eine typische Schlagzeuger-Trio-Platte würde. Die Stimmigkeit des magischen Soges dieser Kammermusik der besonderen Art wird nie in Frage gestellt.

Thomas Fitterling, 09.04.2016



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