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Christine de Pizan

Cansons et Ballades

VocaMe

Berlin Classics/Edel 0300699BC
(58 Min., 7/2015)

Die schlechte Nachricht zuerst: Christine de Pizan (1364-1439), die große Dichterin des Spätmittelalters und im 20. Jahrhundert wiederentdecktes Vorbild der Emanzipationsbewegung, hat keine Kompositionen hinterlassen. Dennoch dürften ihre Chansons, Lais und Balladen zum gesungenen Vortrag gedacht gewesen sein, und zumindest von dem bedeutenden Gilles de Binchois hat sich auch eine Vertonung erhalten. Das aus Frauenstimmen zusammengesetzte Ensemble VocaMe, das sich bereits in der Vergangenheit mit ebenso spekulativen wie attraktiven Nachschöpfungen der Gesänge der antiken Chansonniere Kassia sowie Hildegard von Bingens hervorgetan hat, tat darum gut daran, sich nun auch Christine de Pizans zu widmen. Welche Weisen und oft auch rhythmisch komplexe mehrstimmige Kompositionen sie der Poesie de Pizans unterlegt haben, verraten die von Michael Popp dezent auf vielfältigen Instrumenten begleiteten vier Frauen leider nicht; ein Vergnügen ist es dennoch, aus der Perspektive der selbstbewussten Christine und noch dazu auf den Flügeln des Gesanges in die Zeit des Spätmittelalters einzutauchen, sich an Pizans forschen Anreden männlicher Liebhaber zu delektieren oder die erste Lobeshymne an die zeitgleich aktive Jeanne d’Arc zu vernehmen. Mit ihren glasklaren, runden und stets geerdet wirkenden Stimmen geben die Frauen von VocaMe nicht nur alten „Schlagern“ des Mittelalters eine frische Farbe, sondern meistern auch die artifiziellen, nach Schluckauf benannten „Hoqueti“, bei denen sich die Stimmen mit kunstvoll versetzten Pausen ineinander verschränken. Ein instruktives Beiheft mit zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen Christines macht das Vergnügen dieser kreativen Annäherung an diese über die Jahrhunderte inspirierende Persönlichkeit komplett.

Carsten Niemann, 27.02.2016



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