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Untold Stories

Shai Maestro

O-Tone Music/Edel 1043168OTO
(45 Min., 10/2014)

Eine alte Frage der Rezeptionsästhetik ließe sich angesichts der Produktinformation zu dieser CD zugespitzt neu stellen: Macht es die Musik des 29-jährigen israelischen Pianisten Shai Maestro besser, wenn man um die Inhalte und Absichten seiner angeblich noch „nicht erzählten Geschichten“ weiß, oder hält man es doch besser mit Miles Davis und seinem schroffen Statement, „Die Musik muss für sich selber sprechen, basta!“ Maestro gehört zu der Fülle jüngerer Musiker, die, hervorragend in ihrer israelischen Heimat ausgebildet, kurze Zeit nach ihrer Übersiedlung nach Amerika dort groß gefeiert werden. Ziv Ravitz, der Schlagzeuger an der Seite Maestros, wäre ein weiteres Beispiel – oder sein Pianisten-Kollege Yaron Herman, mit dem ihn eine Liebe zu Frankreich verbindet, wo der größte Teil der Aufnahmen zu diesem Album in verschiedenen Studios und auch live entstanden ist. Ähnlich wie Herman liebt auch Maestro vertrackte Arrangements und kühne, aber stets geerdete Improvisationen. Überschwang im Sinne eines Keith Jarrett, in langen Pianosolopassagen unterstrichen von einer harmonieselig Energie pumpenden linken Hand, ist vertraut zu vernehmen. Die behänden Linien des peruanischen Kontrabassisten Jorge Roeder schaffen ein faszinierend flexibles Grundgerüst, und Ziv Ravitz ist eh ein mit allen Wassern der aktuellen Trommelkunst gewaschener kongenialer Komplementärmusiker. Jedes der acht Originals erzählt eine unterschiedliche Geschichte, die man so dargeboten gerne, ja beigeistert hört, wenn sich dabei auch Neuentdeckungssensationen nicht zwingend einstellen mögen. Es fehlt dem Programm an Geschlossenheit. Den unfreiwillig kritischen Retroverweis des Covers mit seiner Anspielung auf die twen-bzw. Roth-Händle-Werbeästhetik der 60er Jahre hat es jedenfalls nicht verdient.

Thomas Fitterling, 20.02.2016



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