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Grund

Christian Lillinger

Pirouet/NRW PIT3086
(52 Min., 10/2014)

Christian Lillinger gilt mit seinen 31 Jahren bereits als der Großmeister der freien Improvisationsmusik in Berlin. Er ist nicht nur virtuoser Schlagwerker, sondern ambitionierter Komponist. Als solcher hat er eine genaue Vorstellung davon, wer seine Musik spielen soll. Die Besetzung seines Ensembles ist dabei ungewöhnlich und verweist doch mit ihren Doppelungen auf die Jazzgeschichte, auf Ornette Colemans legendäres Double Quartet, sein genreprägendes Album „Free Jazz“. Bei Lillinger spielen mit den Saxofonisten Pierre Borel und Tobias Delius, der auch auf der Klarinette zu hören ist, zwei Rohrblattbläser; mit Achim Kaufmann (Klavier) und Christopher Dell (Vibrafon) sind zwei Harmonieinstrumente vertreten, und die Kontrabassisten Robert Landfermann und Jonas Westergaard sorgen für die Doppelung der Tieftonbasis. Ein erster Höreindruck mag auf herben Free Jazz deuten; abgelenktes Hören verzeiht diese Musik nicht.
Das ist ganz im Sinne ihres Schöpfers: Christian Lillinger, der bekennende Pierre-Boulez-Jünger, definiert sie als konzertante Zuhörmusik, „etwas, das man sich im Konzertsaal anhört“ – oder am besten mit Kopfhörer. Da wird der trockene Klang und das höhenbedämpfte Schlagzeug am adäquatesten erlebbar. In dieser Hörsituation wird die hochkomplexe Stimmführung zu einem Sog von fesselnden Abenteuern. Lillinger betont, dass was da so frei erscheine strukturell fein ausgearbeitet und auf die Musiker genau abgestimmt sei. Das also ist das Geheimnis all der folgerichtig verschränkten Linien und Klangflächen, an denen sich einzelne Soli reiben und doch organisch integriert bleiben, ohne je wie selbstgefällige Einzelfeatures zu wirken. Alles gehorcht der konzentrischen Zentripetalkraft des hoch diffrenzierten Schlagzeugs. Aberwitzige metrische Ausgebufftheit sorgt für intellektuelles Dechiffriervergnügen. Doch lauert da auch die Gefahr, dass der virtuose Aberwitz durch Wiederholung zum blasierten Nebel gerät, der einen fünften Notenpunkt verdeckt.

Thomas Fitterling, 12.12.2015



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