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A Guitar Named Carla

Rüdiger Krause

Jazzwerkstatt JW157
(52 Min., 2013/2014)

Es ist ja nicht ganz ungewöhnlich, dass Gitarristen ihrem Instrument einen weiblichen Namen geben; B.B. King mit seiner Lucille kommt einem in den Sinn. Dass aber ein 15-Jähriger Mitte der achtziger Jahre in Magdeburg sich nicht etwa für die üblichen Teenie-Idole begeistert, sondern bei einer Frau ausflippt, die mit strähnig struwwelpeterlicher Frisur vom Klavier aus eine Avantgarde-Jazzband leitet und mit ihrem „wunderschönen Lächeln“ das Herz des Knaben berührt, ist schon ungewöhnlich. Er unternimmt alles, um an Aufnahmen dieses Wesens zu kommen. Die von den West-Großeltern beschaffte Fender-Gitarre tauft er zärtlich nach seinem Schwarm Carla Bley auf den Namen Carla. Der Knabe studiert und lehrt schließlich Gitarre an der Musikhochschule in Dresden. Dort begegnet er endlich seinem Idol.
Der Traum, mit Carla Bley und ihrem Lebenspartner, dem E-Bassisten Steve Swallow, gemeinsam zu spielen, bekommt eine konkrete Perspektive, und 2013 ist es soweit, Rüdiger Krause kann mit den beiden in New York Bleys Komposition „Lawns“ – quasi seine Lebenshymne – aufnehmen. Dieser Track krönt gewissermaßen als nachträgliche Adelung Krauses ehrgeiziges Projekt, zehn Carla-Bley-Stücke solo auf unterschiedlichen Gitarren zu interpretieren. Lange Monate verbringt er damit, Bleys „ungitarristische, verrückt-schöne Stücke“, auf die Gitarre zu übertragen. Das Wagnis ist gelungen, wie diese CD beweist: Die spezifische Ästhetik Bleys mit ihrer so natürlich einfachen Anmutung findet auf Krauses Gitarren-Vielfalt, zu der E-Gitarre, Western-Gitarre, Bariton-Gitarre, klassische Gitarre und ein Gitarren-Synthesizer gehören, stets einen beschaulich stimmigen Ausdruck; elektronische Effekte kommen, ganz der Natürlichkeit der Musik entsprechend, nur diskret zum Einsatz. Nichts kippt ins Trivial-Banale, das bei der „verrückten Schönheit“ – etwa von Ida Lupino – schon mal drohen könnte.

Thomas Fitterling, 03.10.2015



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