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Winged By Distance

Dieter Glawischnig

Intuition/in-akustik 05704302
(55 Min., 2/2015)

Eine Rundfunk- und Konzertserie für alte Musiker und den Jazz von früher: Darauf deutet die erste Folge der „European Jazz Legends“ hin. Dieter Glawischnig (*1938), der 1973 in Hamburg die Leitung der damaligen NDR-Studioband übernommen und diese zur NDR Bigband weiterentwickelt hatte, frönte privat der skizzengebundenen, halb freien, halb geplanten Improvisation. Für das Konzert zum Serienstart schloss sich der Pianist mit seinem Sohn Hans Glawischnig (*1970), einem in New York erfolgreichen Kontrabassisten, und einem weiteren Urgestein des Jazz der 1960er, dem Trompeter und Flügelhornisten Manfred Schoof (*1936), zusammen. Die Funken sprühen, die Ideen auch, wobei sich der musikalische Prozess bei wechselnden Themen bruchlos über 54 Minuten erstreckt, die CD aber zur Orientierung (und zum Wiedereinstieg, falls jemand den Hörprozess unterbricht) an jenen Stellen, an denen die drei die Themen wechseln, Titelmarker enthält. Obwohl der Vater Namensgeber des Trios ist, steht der Sohn mit ebenso virtuosen wie kraftvollen Bassläufen im Zentrum. Von ihm stammen die meisten Anstöße, während Hans Glawischnig am Flügel eher reagiert als führt. Schoof wiederum bläst mit immens schattierungsreichem Ton impulsive Stakkati und weit schwingende Melodien. Dabei gibt es keine Begleiter und Solisten im traditionellen Sinn: Jeder spielt Melodien, und keiner steht durch eine vorab definierte Rollenverteilung hinter den anderen zurück. Das erinnert an den Free Jazz der 1970er, ist aber andererseits themenbezogener und weitaus stärker von einem unausgesprochenen, nicht unbedingt fixierten Formbewusstsein durchzogen. Die Revoltierenden von einst haben eben als Grauhaarige zu einer eigenen Ordnung gefunden.

Werner Stiefele, 18.07.2015



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