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Going Home

Joey Calderazzo

Sunnyside/harmonia mundi SSC1409
(63 Min., 8/2014)

Er zählt zu den Größten – und doch ist der Pianist Joey Calderazzo eher ein Geheimtipp als ein Bestseller, obwohl er als Stamm-Pianist im Quartett des Saxofonisten Branford Marsalis mit diesem regelmäßig tourt und CDs aufnimmt. Als Gast-Tenorist ist er in „I Never Knew“ auf Calderazzos eigener Scheibe „Going Home“ als zu hören. Diese wiederum, eingespielt mit dem Kontrabassisten Orlando le Fleming und dem Schlagzeuger Adam Cruz, weist – anders als das Titelbild der Disc – nicht ins Nebulöse. Im Gegenteil: Sie ist fest im Hier und Heute verankert und gibt einen klaren Ausblick auf die Zukunft des Pianotrios.
Nein, man braucht keine Rock- oder HipHop-Elemente, um modern zu spielen. Calderazzo und Partner wurzeln – hier durchaus den Marsalis-Brüdern verwandt – im swingenden Jazz. Den allerdings haben sie in die Gegenwart überführt, indem sie tradierte Rhythmusstrukturen aufbrechen und eine Fülle kleinerer Rhythmusfiguren ins Grundgeschehen mengen. Das lässt den New-Orleans-Beat in „One Way“ raffiniert federn oder sorgt in „Why Me“, einer Variante des Klassikers „All Of Me“, durch das Überlappen von Sechsachtel- und Viervierteltakt für Spannung. Andererseits mutet der Standard „Stars Fell On Alabama“ altmeisterlich und konventionell an, und auch „My Foolish Heart“ swingt herrlich entspannt und traditionell. Calderazzos Komposition „Legend“ hingegen entwickelt sich von einem assoziationsreichen Schlagzeugpuls zu einer weiträumigen, dem Fluss der sanft pulsierenden Melodie angepassten Klangreise. Ähnlich offen wirkt auch „Manifold“, das sich aus einer zögernden Einleitung zu einer kräftig pulsierenden Groove-Nummer entwickelt. „Mike’s Song“, das Calderazzo einst für seinen ehemaligen Bandleader Michael Brecker schrieb, ist durch seine rumorende Kontrabassgrundlage am weitesten vom swingenden Jazz entfernt, setzt diesen aber Assoziationen an Latinjazz entgegen. Die Solonummer „Going Home“ gibt dem Album ein nachdenkliches, fast sakral-melancholisches Finale.

Werner Stiefele, 27.06.2015



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