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Tokyo Adagio

Charlie Haden, Gonzalo Rubalcaba

Impulse/Universal 4729926
(52 Min., 2005)

Im Hintergrund klappern Gläser, und manchmal klirrt auch Besteck – so ist das eben, wenn ein intimes Duo in einem Jazzclub und nicht im Studio aufgezeichnet wird. Den Wert von Bill Evans´ legendären Aufnahmen im New Yorker Village Vanguard hat dies nicht gemindert, und das Zusammenspiel des Kontrabassisten Charlie Haden und des Pianisten Gonzalo Rubalcaba zählt trotz der Nebengeräusche zu den schönsten Duoaufnahmen, die in den vergangenen Jahren veröffentlicht wurden, ja, sie wirken sogar noch einen Hauch intimer als die bei ECM veröffentlichten Duette Hadens mit dem Pianisten Keith Jarrett und die Duoscheiben mit dem Gitarristen Jim Hall oder den Pianisten Hank Jones und Kenny Barron.
Sechs einfühlsame Dialoge mit Rubalcaba hat Haden aus vier aufeinander folgenden Konzerten vom Frühjahr 2005 im Tokioter Jazzclub Blue Note ausgewählt: sechs Zeugnisse tiefer Seelenverwandtschaft innerer Harmonie, Gelassenheit und Vertrauen. Sie lassen sich alle Zeit dieser Welt. Weich und unaufdringlich drückt Rubalcaba die Tasten – das glatte Gegenteil seines Images als virtuoser Schnellspieler. Er steht zwar oft im Vordergrund – aber er dominiert nicht, denn Haden gibt dem Geschehen aus dem Hintergrund zusätzliche Tiefe. Er kommentiert und macht aus dem Hintergrund Vorschläge, er unterstützt, betont, fühlt mit, führt zwischendurch auch, gibt Raum, reagiert, und Rubalcaba wartet, wo es nötig ist und hört zu, wohin sich Charlie Hadens voluminöse, selbstbewusste Kontrabass-Töne entwickeln. Darauf antwortet er. Oder er untermalt auch nur. Oder er führt weiter. Oder er lenkt um, wirft einen neuen Gedanken ins Zwiegespräch. Dabei verzichten sie auf das tausendfach gespielte Repertoire der Standards und greifen auf Stücke aus Hadens Portfolio zurück: „En la orilla del mundo“ und „Transparence“ hatten Haden und Rubalcaba schon für die Quartettplatte „Nocturne“ eingespielt. „My Love and I“ hat Haden bereits 1993 mit seinem Quartet West und 2010 erneut mit dem Quartett und der Sängerin Cassandra Wilson aufgenommen. „Solamente una vez“ stammt aus der 2003 entstandenen Platte „Land Of The Sun“, und „Sandino“ hatte Haden 1990 erstmals auf dem Album „Dream Keeper“ seines Liberation Music veröffentlicht. Die Versionen mit Rubalcaba aber, die wirken so eigenständig, als hätte es die Vorgängerfassungen nie gegeben. Von Bill Evans´ berühmtester Konzertserie im Village Vanguard wurde ursprünglich nur eine knapp dimensionierte LP veröffentlicht und Jahrzehnte später sämtliche erhaltenen Bänder. Die erste Rate dieser Duette lässt hoffen, dass auch die übrigen Mitschnitte ähnlich großartig sind und irgendwann noch mehr von dieser bewegenden Begegnung folgt.

Werner Stiefele, 06.06.2015



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