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Labyrinth

Dejan Terzic, Melanoia

Enja/Soulfood ENJ9630
(70 Min., 12/2014)

Und sie reisen weiter durch das Wunderland des Traums, die Musiker des Melanoia-Quartetts, geleitet von Dejan Terzic, dem mittvierzigjährigen Schlagzeuger und Komponisten, mit dem sie sich schon zwei Jahre zuvor auf ein derartiges Projekt eingelassen haben. Das Kunstwort Melanoia steht für das den Tag-und Nacht-Rhythmus regulierende Hormon Melatonin und den Begriff Paranoia. Zum Glück für die Musik erweist sich die Anspielung auf die Paranoia als sympathische Koketterie, die im Titel der erneuten Erd-entrückten Unternehmung ihre Entsprechung hat, denn die mitunter von kühnen Intervallsprüngen geprägte Musik verliert sich keineswegs in einem Irrgarten, findet vielmehr durch zirkulär geschichtete Gänge zu sich selbst. Dem Prinzip Zirkularität gehorcht auch der kontrabasslose Umgang mit der Bassfunktion; sie wird quasi wechselseitig reihum von Achim Kaufmann am Klavier und/oder Fender Rhodes, von Ronny Graupe an seiner um eine Saite in die Tiefe erweiterten Gitarre und von Terzic selber mit einer artikuliert aufgenommenen Bass Drum übernommen. Diese Zirkularität hat ihr Pendant in der minimalistisch ostinaten Anmutung des harmonisch-melodischen Geschehens. Es vollzieht sich in einem Interplay von sensiblem Gitarrenspiel, das John Scofield und selbst Atila Zoller viel verdankt, und von Klavierklängen, die dunkel geschichtete Heftigkeit mit eleganter Finesse verbinden. Diese Interaktion wird zu dichter Textur, indem sie Hayden Chisholm komplementär mit seiner an der klar diskursiven Linearität eines Lee Konitz orientierten Altsaxofon-Melodik durchdringt und Terzic sie mit oft ungeraden Rhythmuszyklen unterfüttert. Das kann schon mal deftig losrocken, tänzelt dann aber wieder mit traumhafter Leichtigkeit zum Klang eines Glockenspiels. Stimmig also die Idee, Chisholm ein Traumgedicht von Edgar Allen Poe rezitieren zu lassen; wache Geister mag dabei allerdings stören, dass die Verständlichkeit im Klang der Musik untergeht und kein Text im Booklet den poetischen Nachvollzug ermöglicht.

Thomas Fitterling, 30.05.2015



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