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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Nr. 1 - 32

Daniel-Ben Pienaar

Avie/Edel 1023202AV1
(644 Min., 7/2012, 1/2013, 1 & 4/2014) 10 CDs

Als sei es ihm selbst etwas unheimlich, derart provozierend ins Kanon-Sanktuarium einzubrechen, schickt Pienaar eine überaus gescheite Apologie vorweg. Schicht um Schicht historischen Firnisses gelte es abzutragen, sich all der längst vergessenen Wege und Wendungen zu erinnern, die das Leben mit den Sonaten Beethovens seit über 200 Jahren hinterlassen habe, bis man sie als Teil der unauslöschlichen kompositorischen Experimentierlust höre, die heute unter allzu glättenden Stilphasen-Konzepten begraben läge. Auf diesem Weg zurück erlaubt er sich dann auch alles, was die Interpretationsgeschichte so anbietet. Die „Namenssonaten“ klingen noch verhältnismäßig konventionell: Die „Waldsteinsonate“ gibt er uns als vital losgaloppierendes Kraftstück, die „Appassionata“ als fiebrigen, klug gesteigerten Reißer. Aber „Opfersonaten“ wie die in C-Dur op. 2/3, erstarrt in entsetzlicher, klassizistischer Schattenlosigkeit, werden mit frecher Manieriertheit (Verzögerung der zweiten Gruppe des Themas, Desynchronierungen etc.) wiederbelebt, ebenso op. 31/3, die angeblich betuliche „Frauensonate“. Man lacht sich schier kaputt, wenn er die Sechzehntel-Abzüge in der Kopfsatzdurchführung mit seiner starken Linken wie obszöne Grunzer gibt, ganz verschämt beantwortet vom elegischen Diskant. Es ist schließlich die „Jagdsonate“. Herausfordernd entfesseltem buffa-Geist steht aber etwa in der frühen A-Dur-Sonate, besonders im Schlusssatz, eine silbrige Rokoko-Eleganz entgegen, die keine polternde Pointe verunziert. Neben solch höchst gediegenem Klavierspiel stehen die eigenartigsten Dinge, etwa allen gängigen Ausgaben unbekannte Töne (opp. 10/1, 90), Provokationsminen für uns Urtextphilister, oder schlimme Momente vorgeführter Ratlosigkeit. Mit Beethovens schwärmerischer (vielleicht gespielter) Naivität kann er nicht viel anfangen und lässt das op. 78 oder den Beginn der ersten Fantasia-Sonate in absichtsvolle Leere fallen. Zum Staunen und Nachdenken regt auch das an – hier wäre Stoff für lange Diskussionen. Dieser Beethoven ist so aufregend und so anfechtbar, so mutwillig und ärgerlich, so erhaben und missglückt wie die ungezählten Leben, die sich in den „32“ spiegeln. Ein Abenteuer.

Matthias Kornemann, 16.05.2015



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