Von 1918 bis 2004 spannte sich die Biografie von Gérard Souzay aus – relativ kurz mutet im Vergleich dazu jenes Zeitfenster an, in dem es dem Bariton beschieden war, an Aufnahmen von bleibendem Wert beteiligt zu sein: In der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre öffnet es sich, und schon bald in den Siebzigern schließt es sich anlässlich einer ernsthaften Stimmkrise wieder. Was aus den guten Jahren präsent blieb, ist besonders die hervorragende „Pelleás-et-Mélisande“-Produktion unter Cluytens, die Souzay als Golaud dokumentiert – jene Leib-und-Magen-Rolle, in der sein Stimmmaterial so viel bassiger klingt als in den zahlreichen Liedaufnahmen, aus denen besonders die Fauré-Einspielungen von 1960 und 1964 hervorstechen.
Lieder werden auch auf der vorliegenden CD mit „Inédits“ präsentiert, andere jedoch zunächst, als man von Souzay zu hören gewohnt ist: Einen Schwerpunkt bilden skandinavische Titel von Sibelius und Kilpinen, die auch für Liedkenner wenigstens teilweise Neuland sein dürften. Es folgen drei Hugo-Wolf-Gesänge – hier wagt Souzay bei „In der Frühe“ einen Einsatz der „Voix mixte“, wie ihn sich sonst wohl nur Dietrich Fischer-Dieskau zugebilligt hätte; bemerkenswerterweise mischt und artikuliert Souzay dabei jedoch auf ganz eigenständige, gerade mit Fischer-Dieskau nicht verwechselbare Weise.
Zu den reizvollen Kuriositäten des Programms gehören vier Gesänge aus der Renaissance, deren Begleitsatz von Arne Dørumsgaard für „modernes“ Orchester ausgearbeitet wurde – auch kompositorisch ein beredtes Zeugnis aus der Zeit vor der historisierenden Aufführungspraxis. Mit Ravels „Don Quichotte“ bewegt sich Souzay danach auf jenem Terrain, auf dem er vor allem bekannt geworden ist – und man muss gestehen, dass die Phonetik der französischen Sprache zu seinem warmen, intensiven Timbre letztendlich am allerbesten passt. Darum genießt man auch die folgenden wenig bekannten Gesänge von Jolivet und Jaubert ganz besonders.

Michael Wersin, 18.04.2015



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