Ein Jahrzehnt lässt sie in einer Stunde Revue passieren: Marie-Nicole Lemieux stellt auf ihrem neuen Recital "Chansons perpétuelles" mit knapp zwei Dutzend Liedern eine klingende Visitenkarte der 1890er Jahre zusammen. Sie beginnt mit den herrlichen "Trois poèmes" von Guillaume Lekeu und lässt darauf vier Lieder aus Hugo Wolfs "Italienischem Liederbuch" folgen, bei denen man nicht den Eindruck hat, dass sie zu ihren Lieblingsliedern gehören, wie sie das im Booklet behauptet.
Weiter geht es mit den duftigen, entspannten "Cinq mélodies de Venise" von Gabriel Fauré, bevor die Kanadierin in fünf Rachmaninow-Romanzen meint, stellenweise die Obraztsova kopieren und die Tiefe "russisch" forcieren zu müssen. Nach einigen Stücken von Charles Koechlin mündet das Programm in Ernest Chaussons "Chanson perpétuelle", hier gesellt sich, wie schon bei Lekeus "Nocturne", das Quatuor Psophos zu Roger Vignoles, der die gesamte CD hindurch klangfarbenreich Stimmungen zaubert.
Marie-Nicole Lemieux gelingen immer wieder wunderschöne Momente, geht es allerdings höher hinaus, wird sie laut und muss mit Druck arbeiten. An ihr 2005 veröffentlichtes französisches Album "L'heure exquise" (mit Werken von Hahn, Chausson, Debussy und Enesco) sollte man nicht denken – obwohl der dort begleitende Daniel Blumenthal gewiss nicht an Roger Vignoles herankommt –, dann wird man nur wehmütig, wie überzeugend die Stimme ihr damals gehorcht hat.

Michael Blümke, 14.03.2015



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