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Nausikaa

Jazz Live Trio

TCB/New Arts International TCB32502
(50 Min., 10/2014)

Das Jazz Live Trio entstammt den Vorzeiten des Radios, als die Sendeanstalten noch kleine Jazzbands beschäftigten, die sie mit internationalen Spitzenstars für ihre Jazzsendungen zusammen brachten. Klaus Koenig, Jahrgang 1936, leitete eine solche Formation, eben das Jazz Live Trio, von 1964 bis 1982 – dann stellte das Studio Zürich des Schweizer Radios SRF die Reihe ein. Bis 1997 hielt er das Trio weiter am Leben, dann hinderte ihn eine fokale Dystonie beider Hände, umgangssprachlich „Musikerkrampf“ oder „Beschäftigungsneurose“ genannt, an der Weiterarbeit. Nun hat er die Krankheit so weit überwunden, dass er ein Comeback einleiten konnte: zunächst mit der Band Seven Things und nun auch mit einem Trio, dessen Mitglieder seine Enkel sein könnten. Sinnigerweise hat er das Album nach jener Tochter des phönikischen Königs Albinos benannt, die in der griechischen Mythologie Odysseus auf dessen Irrfahrten aufnahm und an den Hof ihres Vaters einführte. Das Trio fasst diese Episode in eine kleine Tonerzählung, die sich von wellenförmigen Bewegungen zu drängendem Pulsieren entwickelt, als wolle sie das Herzklopfen der aufkeimenden Liebe symbolisieren. Auch das Solostück „Gog's Dreams“ befasst sich mit einem mythologischen Thema: Hier schafft er durch Kratzen an den Seiten und Schläge auf den Korpus des Flügels eine Atmosphäre, in der sich das Kriegerische der mit dem Satan verbündeten Völker Gog und Magot spiegelt, bis diese – entsprechend der christlichen und islamischen Überlieferung – besiegt werden und dünnen, schwachen Tönen Platz machen. Mit „Picaro“ gibt es noch eine heitere, aufstrebende Nummer, wobei dieser Ikarus nicht brennend abstürzt, sondern sich gelassen zur Ruhe setzt. Insgesamt acht Titel umfasst die Disc. Die schwingen und swingen so gelassen, wie es der Tradition der Klaviertrios vor E.S.T. entspricht. Wie die drei die Themen behandeln, wie sie diese zergliedern, Teile weiter verwenden, Brüche einbauen, hat andererseits wenig mit der amerikanischen Tradition zu tun. Dies ist zutiefst europäisch.

Werner Stiefele, 07.03.2015



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