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Reisetagebuch

Judith Goldbach

Jazz ‘N‘ Arts/In-Akustik 0507115
(54 Min., 9/2014)

Dies ist die Zeit des Kontrabasses als Frauenbetörer. Geradezu seinsergreifend ist die Passion, die das tief und warm tönende Instrument der besonderen Form und Materialität auszulösen vermag. Dabei entwickeln die Betörten in einem Alter, in dem es für die Erlernung der kleineren Geschwister des Basses längst zu spät wäre, eine höchst erstaunliche instrumentaltechnische Meisterschaft. Judith Goldbach etwa, die erfolgreiche Bassistin aus dem Raum Stuttgart, die ihr Debütalbum vorlegt, hat erst mit 21 den Kontrabass entdeckt und ist ihm sogleich verfallen. An der Mannheimer Musikhochschule hat sie studiert und mit Kollegen aus ihrer Mannheimer Studienzeit hat sie dieses virtuelle musikalische Reisetagebuch eingespielt.
Goldbach ist tief geprägt durch Dave Hollands Spielansatz und ordnet so die Musik gestaltend aus dem Hintergrund. Der ist bestimmt durch ihre Faszination von Béla Bartók und dessen auf Reisen gesammelten ungarischen Volksweisen. Mit dem australischen Altsaxofonisten und Bassklarinettisten Tim Hurley, dem vor allem Vibrafon spielenden Stabspiele-Spezialisten Claus Kiesselbach und dem Schlagzeuger Christian Huber hat sie sieben Tänze bzw. Tanzlieder aus Ungarn und dem Balkan und zwei Originals aufgenommen. Die Volksweisen hat sie zu heiter beschwingten, fein abgezirkelten Abläufen arrangiert; nicht folkloristischer Exotik wird gehuldigt, sondern die spezifische Idiomatik in modernen Mainstream übersetzt. Der eine oder andere Zirkelschlag gerät schon mal zum kunstgewerblichen Klingel-Kringel, doch der Bläserklang bleibt stets klischeefrei. Zu einem Moment bewegender Intimität gerät ein kurzes Solo-Zwischenspiel der Bassistin, das andere Original jedoch, offen und frei pulsierend angelegt, hat etwas perkussiv Lärmendes. Dennoch ist dieses Reisetagebuch im Sinne der strengen RONDO-Bewertung richtig gut.

Thomas Fitterling, 07.03.2015



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