Der Hype um Cecilia Bartolis Steffani-Entdeckungen ist fast verpufft, da zeigt das Bostoner Early Music Festival erst richtig, was in dem Diplomaten, Geistlichen und genialen Komponisten alles steckte. „Niobe“, 1688 in München uraufgeführt, ist eine der aufregendsten Partituren Steffanis und stellt eine Mischung aus dem Besten dar, was die europäische Barockoper ihrer Zeit zu bieten hatte: einen handlungsreichen, mit witzigen Kommentaren aufgelockerten Plot nach Monteverdis Vorbild, Tanzrhythmen und Maschinenzauber französischer Provenienz sowie kühne harmonische Wendungen, knackige Bässe und lapidar gefasste melodische Eingebungen von Händelscher Eindringlichkeit.
Das Sujet ist allerdings eine denkbar große Herausforderung: Schließlich steht neben der nach Göttlichkeit und starken Männern lechzenden Königin Niobe auch der legendäre Sänger Amphion auf der Bühne, der als ein zweiter Orpheus mit seinem Gesang selbst Steine in Bewegung versetzte. Karina Gauvin und Philippe Jaroussky aber sind eine Idealbesetzung für das ungleiche Paar: Während Gauvin mit ihrem warm durchglühten, aber nie manieriert artikulierenden Sopran jede der rasch wechselnden Gefühlslagen Niobes treffsicher packt, nimmt man dem oft mit aparten Instrumentationseffekten begleiteten, unforciert-innigen Gesang Jarousskys jede Zauberwirkung sofort ab. Und das, obwohl auch die glücklich besetzten Nebenrollen viele Gänsehautmomente produzieren – allen voran Colin Balzer als Prinz Tiberino mit seinem reinen, aber maskulinen Tenor und Amanda Forsythe als seine reizend unschuldige Geliebte Manto. Dass die einfühlsam und farbig, aber nie buntscheckig begleiteten Rezitative bisweilen noch etwas zu sehr ausgesungen werden, statt den Wortwitz des Librettos stärker zu betonen, sei verziehen: Die Lust, die Zeit anzuhalten, vergeht einem während der über dreieinhalbstündigen Oper jedenfalls nicht.

Carsten Niemann, 24.01.2015



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