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Hat and Shoes

Gebhard Ullmann

Between The Lines/New Arts International BTLCHR71238
(53 Min., 2/2013)

Es geht um Grundlagenforschung. Um Klangerkundungen. Um das Finden und Ausloten von Kommunikation. Um Töne. Um Improvisation. Um Struktur. Um Aussage. Um Emotionen. Um Ration. Um Musik. Die sieben Titel sind voll von all dem. Sie bieten Free Jazz vom Allerfeinsten – und der hat nichts zu tun mit jenem Zerrbild, das schon seit den 1960ern die ernsthafte Auseinandersetzung mit einer freien Form der improvisierten Musik erschwert. Der Saxofonist Gebhard Ullmann und seine vier Gefährten gehen von wohl überlegten Themen und Grundarrangements aus, genehmigen sich dann aber die Freiheit, die Chorusstrukturen zu verlassen, dem Ohr folgend auch das Gerüst der Harmonielehre aufzubrechen und besitzen doch die Disziplin, einem gemeinsamen Puls zu folgen, Melodien ineinander zu verschränken, Frage-Antwort-Figuren einzubauen und genau so abrupt, wie sie gegen die Regeln der jazzerischen Grundausbildung verstoßen, in perfekt einstudierte Passagen zu verfallen.
So schwankt „Wo bitte geht’s zu den Hackeschen Höfen?“ zwischen einem intensiven Gewusel, das den Menschentrauben entspricht, die zur Rush Hour aus einer U-Bahn-Station strömen, und nach Orientierung suchenden Touristen, die hilflos am Straßenrand stehen, herausfinden müssen, wo sie sind und eben jene Frage nach dem Ziel stellen, sich verlaufen, das Ziel vor die Augen bekommen, losschreiten, im Trubel zwischen Rolltreppen gelangen, sich plötzlich unsäglich einsam fühlen und sich schließlich dennoch zum Ziel schleppen. Mit etwas Fantasie fallen einem beim Hören der übrigen sechs Titel ähnliche Alltagsgeschichten ein. Ullmann auf Tenorsaxofon und Bassklarinette, der Posaunist Steve Swell, der Baritonsaxofonist Julian Argüelles sowie der Kontrabassist Pascal Niggenkemper und der Schlagzeuger Gerald Cleaver sind für diese aus Plan und Spontaneität entstehende Musik eine Traumbesetzung: reaktionsschnell, mit facettenreicher Tongebung, witzig, konzentriert und frei von Egotrips. Entgegen allen Unkenrufen bedeutet Freiheit nicht Chaos, sondern einem permanenten Wandel unterliegende, aggressionsfreie Selbstorganisation.

Werner Stiefele, 24.01.2015



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