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Beat Furrer

Wüstenbuch

Tora Augestad, Sebastian Brohier, Eva Furrer, Klangforum Wien, Trio Catch

Kairos/ harmonia mundi KAI 0013312
(97 Min., 3/2010, 12/2012, 6/2013)

Niemand weiß genau, wann es begonnen hat: Im Laufe von zwei, drei Generationen jedenfalls ist der Kunstmusik im Westen ihre Selbstsicherheit abhanden gekommen. Kaum jemand traut sich heute noch zu, wie einst Stockhausen und Boulez, die Welt mit Tönen neu und fest zu ordnen – schon gar nicht Beat Furrer. 1954 in der Schweiz geboren, zum Studium nach Österreich gezogen, wo er mit dem Klangforum Wien eines der besten Instrumentalensembles überhaupt gegründet hat, fehlt es Furrer nicht an Beharrlichkeit, wohl aber an Hochmut: Wenn er von seiner Musik spricht, sie zu erklären versucht, dann klingt das, als würde er sie schon aufführen – immer zögerlich, zweifelnd, stockend.
Innehalten, Nachhorchen, Neuansetzen, Verharren – Furrers Musik lebt in einem Zwischenreich: zwischen Aufbau und Zersetzung, zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen Innen und Außen, zwischen Stille, Geräusch und Klang. Nervosität ist ihr Grundzustand.
In seinem mittlerweile sechsten Musiktheater „Wüstenbuch“ kommt Beat Furrer gewissermaßen zuhause an: Denn die Wüste als Grenzland von Tod und Leben, als Ort, der alle Spuren verwischt und wo Zeit das vergräbt, was der Mensch geschaffen hat, diese Wüste also ist ein Sinnbild für die existentielle Verunsicherung, die alle Arbeiten Furrers durchzieht. Dieser Verunsicherung will Furrer auch im „Wüstenbuch“ nichts Festes entgegenstellen. Seine 2009 entstandene Partitur enthält ihre entgültige Form immer erst im Moment ihrer Inszenierung. Teile des Textbuchs, mit Zitaten von Ingeborg Bachmann, Händl Klaus und antiken Fragmenten, können sich in vorab gekennzeichneten Freiräumen niederlassen, je nach Situation. Die erste Einrichtung des Wüstenbuchs durch den Regisseur Christoph Marthaler ist nun als (hervorragender) Mitschnitt erschienen – ein reich ausgestattetes Doppelalbum, auf dem auch noch drei Kammermusiken von Furrer Platz fanden. Wie unter einem Vergrößerungsglas lässt sich hier, im Duo und Trio, beobachten, was im „Wüstenbuch“ in die Weite zieht: eine Musik, in der Angst vor dem Verlust immer auch einhergeht mit der stillen Hoffnung auf Gewinn.

Raoul Mörchen, 27.12.2014



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