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Malika Kishino

Irisation

Ensemble Musikfabrik, hr-Sinfonieorchester, Parkhaus-Trio u.a.

Wergo/New Arts International WERGO64112
(76 Min., 2012-2013)

Ein Blick aus dem Fenster: eine Winterlandschaft, Schnee, Zweige, Dächer. Malika Kishino, Tochter eines Tempelvorstehers, befindet sich im Haus ihrer Eltern bei Kyoto, ein traditionelles Holzhaus mit geschwungenen Linien, sie schaut in den dunklen Garten: „Die nächtliche Ansicht des Gartens“, so erinnert sich die Komponistin, „war wie ein Tuschbild, ein Kunstwerk in Schwarz und Weiß. Sie besaß alle Schönheit, war wie der Inbegriff von Schönheit überhaupt.“
Was aber ist Schönheit? Wir, die wir nicht hinaus geschaut haben in den Garten, können uns eine Antwort dennoch vorstellen: Malika Kishino hat den Blick in den schönen Garten übersetzt für die Ohren. Mehrfach sogar. Seit einigen Jahren arbeitet die 1971 geborene, heute in Köln lebende Japanerin an einem Zyklus mit dem Titel „Monochrome Garden“. Auf ihrem beim Label WERGO erschienenen CD-Porträt finden wir als zweite akustische Ansicht des Gartens ein Bläsertrio. Und sind vermutlich erst einmal überrascht: darüber, dass der Garten im Dunkeln kein Vorwand ist für ein romantisches Nachtstück. Verwundert auch, dass die drei Instrumente nicht in westlicher Tradition gegeneinander spielen, also in eine Art Gespräch verwickelt sind, sondern verschmolzen sind zu einem Meta-Instrument. Wie der Stamm eines Baumes verzeigt es sich, wobei, um im Bilde zu bleiben, die Zweige nicht starr sind, sondern sich beugen, verdrehen und zuweilen ineinander verhaken wie von starken Winden gedrängt. Im Dunkel der Nacht hat sich der Garten entfärbt, doch er ist nicht still und statisch. Dann wäre er wohl auch nicht schön: Denn Schönheit liegt für Kishino, so verrät ihre Musik, in dem, was lebt und sich bewegt, das Form hat und sich doch verändert, das ausgewogen und natürlich ist. Dramatik schließt das nicht aus. In ihrem Ensemblewerk „Rayons Crépusculaires“ haut Malika Kishino mächtig auf die Pauke – bzw. auf die große Trommel. Durch ein feines Gespinst von Linien und Farben bricht sich das gewaltige Instrument allmählich die Bahn, schiebt alles beiseite, grollt bedrohlich und lässt die anderen Instrumente erst wieder zu Wort kommen, nachdem es in einer großen Kadenz unmissverständlich sein Revier markiert hat.

Raoul Mörchen, 20.12.2014



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