Claudio Monteverdi

Marienvesper

The Sixteen, Harry Christophers

Coro/Note 1 COR16126
(106 Min., 3 & 4/2014) 2 CDs

 

Claudio Monteverdi

Marienvesper

amarcord, Lautten Compagney, Wolfgang Katschner

Carus/Note 1 CAR83394
(80 Min., 10/2013 & 4/2014)

 

Der Vergleich zweier Einspielungen der Marienvesper Claudio Monteverdis gerät leicht zu einem Vergleich von Äpfeln und Birnen: Allzu viele Parameter von der Sänger- und Instrumentalbesetzung bis hin zur Frage der Transpositionen beim „Lauda“ und „Magnificat“ lassen sich nicht ohne Weiteres eindeutig fixieren, sondern hängen von der Entscheidung des jeweiligen Ensembleleiters ab – Einspielungen der Marienvesper können daher sehr unterschiedlich ausfallen. Aber andererseits gibt es natürlich die musikalische Substanz, jene frühbarocken mehrstimmigen Vertonungen von Vesperpsalmen und Magnificat, außerdem die eingeschobenen Concerti für Vokalsoli. Und wie diese uralten liturgischen Elemente, von Monteverdi auf geniale Weise in konzertante Musik gepackt, beim Hörer ankommen, lässt sich durchaus bewerten.
Vor diesem Hintergrund muss man sagen: Wäre Harry Christophers‘ durchaus gediegene, in vielen Punkten ausgesprochen gelungene Einspielung nicht in zeitlicher Nähe zu Wolfgang Katschners Version erschienen, dann hätte sie vielleicht mehr als nur einen Achtungserfolg erzielen können. Christophers‘ etwas mehr als zwanzig professionelle Sänger, die in den Psalmen (namentlich „Laudate pueri“) auch so manche virtuose Passage zu zweit meistern, liefern gemeinsam mit den bewährten Instrumentalisten eine mehr als solide Performance. Christophers hat sich sogar entschieden, „Lauda“ und „Magnificat“ – jene beiden in puncto Transpositionsfrage seit langem umstrittenen Nummern – sowohl im hohen Original als auch in der häufig präferierten tieferen Lage zu präsentieren, was für den Hörer freilich luxuriös ist.
Katschner wählte für diese beiden Stücke, der neuen Notenausgabe von Uwe Wolf bei Carus folgend, allein die höhere Lage. Sein „Lauda“ strahlt und leuchtet in sphärischer Höhe auf bisher nie gekannte Weise; die Stringenz und Eloquenz, die Energie und nicht zuletzt die Musiziergeschwindigkeit, die er von seinen Musikern – und er beschäftigt nur halb so viele Sänger wie Christophers! – in diesem Stück einfordert, stehen aber auch pars pro toto für die mitreißende Darbietungsweise der anderen Psalmen und des Magnificats. Katschner ist in all diesen Nummern nicht nur schneller als die Engländer, sondern gleichzeitig auch präziser, prägnanter, tänzerischer und klanglich tiefenschärfer. Gegen seine furiose Einspielung wirken tatsächlich die meisten anderen Aufnahmen etwas lau, teilweise halbgar; Katschner bleibt seinem Ideal, immer ein Optimum an Vermittlungsintensität zu liefern, auch hier wieder treu. Die Sänger von „amarcord“, aufgestockt um einige großartige Gäste, können dieser Vorgabe weitgehend gut folgen: Sie haben die nötige Virtuosität und stimmliche Flexibilität für diese hochexpressive Tour de force. Allein in den Soli – man höre etwa „Nigra sum“ – merkt man noch die Knabenchor-Herkunft der „amarcord“-Herren: Wann betritt mal wieder ein so männlicher, im Timbre eigenwillig unverwechselbarer Tenor wie einst (bei Parrott) Nigel Rogers die Bühne?

Michael Wersin, 29.11.2014




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