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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Mellowtonin

Johannes Enders

Yellowbird/Soulfood YEB 7748
(48 Min., 5/2013)

Um die Jahrtausendwende provozierte der englische Publizist Stuart Nicholson mit der Frage, ob der Jazz möglicherweise seine Adresse gewechselt habe und mittlerweile nicht mehr in den USA, sondern in Europa wohne. Falls sich noch irgendjemand über diese These aufregen sollte: Das Quartett um den Tenorsaxofonisten Johannes Enders beendet diese Diskussion auf die denkbar eleganteste Weise.
Damit es im Jazz weitergeht, braucht es kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander; damit sich diese Musikform nicht in der Beliebigkeit verliert, braucht es ein Wissen um die Vergangenheit, nicht ein blindes Nach-vorn-Preschen. Geradezu mustergültig zeigt sich das in der Zusammensetzung dieser Band: Ein Schweizer Pianist mit Bill Evans in den Fingern und einer Liebe für Jazzrock-Hippies im Herzen (Jean-Paul Brodbeck) trifft da gemeinsam mit einem serbischen Kontrabassisten (Milan Nikolic) auf einen ehemaligen Electrojazz-Revolutionär aus Oberbayern (Johannes Enders) und eine US-Schlagzeug-Legende (Billy Hart).
Und es ist nicht so, dass sich hier irgendeiner in seiner Rollenzuschreibung bequem machen würde: Das Faszinierende an diesem Quartett ist es, dass Altes anders gedacht wird. An der Oberfläche mögen sich Enders Kompositionen irgendwo zwischen Hancocks „Maiden Voyage“ und Coltranes „Giant Steps“ bewegen, also irgendwo in der späten Jazz-Klassik. In der Umsetzung des Spielmaterials geht das transatlantische Quartett jedoch einen eigenen Weg. Saxofonist Enders manipuliert seinen auch in rasanten Passagen immer nachdenklich klingenden Ton mit seiner Atmung (einmal, am Ende von „Expressionist“, klingt es so, als spiele er rückwärts) oder Echo-Effektgerät (in „Chumotov“), Schlagzeuger Hart agiert oftmals wie ein Remixer, der mal nur die Hi-Hats, mal nur die Toms einsetzt. Da reichen sich zwei, eigentlich durch Zeit und Raum weit voneinander getrennte Spielergenerationen verschwörerisch die Hände.
Kurz: Dieser Jazz braucht keine neue Adresse, sondern entsteht wie selbstverständlich aus den unterschiedlichen Erfahrungen seiner transatlantischen Produzenten – sowie aus der Bereitschaft, ohne Eitelkeiten aufeinander einzugehen. Besser geht’s nicht.

Josef Engels, 18.10.2014



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