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Bernhard Lang

The Anatomy Of Disaster (Monadologie IX)

Arditti Quartet

Winter & Winter/Edel 1002172WIN
(69 Min., 4/2013)

2010 wurde Bernhard Langs drittes Streichquartett „The Anatomy Of Disaster“ (Monadologie IX) bei den Donaueschinger Musiktagen von vier Könnern aus Fleisch und Blut, den Musikern des Arditti Quartet uraufgeführt. Grundlage aber auch für dieses 9. Teilstück seiner inzwischen auf 30 Werke angewachsene „Monadologien“-Reihe war eine selbstentwickelte Software für computergestützte Komposition, bei dem eingespeiste Klang-Motive selbstständig mutieren dürfen. Doch danach beginnt eben die eigentliche Arbeit des Komponisten Lang. Was die digitale Maschine da ausspuckt, denkt und überarbeitet er zumeist akustisch weiter. Und plötzlich nehmen etwa ein Gregorianischer Choral, Mozarts „Alla turca“ oder wie jetzt Haydns „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ eine Gestalt an, die nichts mit postmodernen Parodiekünsten zu tun haben. Bei Lang lösen die gesampelten, musikhistorischen Zitate höchst komplexe, energiereiche und bisweilen ins tumulthaft Rabiate reichende Kettenreaktion aus, an deren Ende das Original eine neue Existenzform angenommen zu haben scheint.
Nun also hat sich der Österreicher bereits zum zweiten Mal mit Haydns musikalischer Karfreitagsandacht „Die sieben letzten Worte …“ beschäftigt. Nach der „Monadologie V“ für Klavier hat Lang das von Haydn auch für Streichquartett arrangierte Werk in einem vierstimmigen Streichersatz – trotz der identischen Satzfolge – bis zur Unkenntlichkeit zerfasert, gespreizt, perforiert. Nichts ist mehr von der kontemplativen Haltung, von dem mitschwingenden Trost und der magischen Entrücktheit geblieben. Wie der Titel „Die Anatomie einer Katastrophe“ verrät, befindet sich das Werk vielmehr in einem Dauerzustand unerbittlicher Tragik. Und welche Extreme Lang da auch immer den Ardittis abverlangt, von heftigen Schleuderkursen bis zur beklemmend minimalistischsten Reduktion – die vier Musiker entpuppen sich einmal mehr als die idealen Anwälte der Neuen Musik.

Guido Fischer, 12.04.2014



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