Responsive image
Reynaldo Hahn

Das Klavierwerk

Cristina Ariagno

Concerto/Klassik Center Kassel CD2015
(360 Min., 10/2009 - 4/2011) 4 CDs

Eigentlich sollte die liebenswerte Spezies der Raritätenspieler unter Artenschutz stehen. Ist es nicht hingebungsvoll, noch den vergilbtesten Erstdruck dem Archivstaub zu entreißen und Denkmäler zu errichten ohne Aussicht auf Ruhm und CD-Verkäufe? Eigentlich. Aber wenn Cristina Ariagnos Arbeit am Klavierwerk Reynaldo Hahns allenfalls das Bild eines heftig sedierten Décadents beschwört, an dessen Ohr ferne Walzerklänge dringen, mühsam von der Tochter des Hauses im Pedal ertränkt, schiebt man die Schuld an der Hörlähmung dem „Kleinmeister“ in die Schuhe. Das soll nicht sein.
Den Namen Hahns kennen vielleicht nur ein paar Proust-Verehrer, verband den 1874 in Venezuela Geborenen doch eine wie immer unharmonisch endende Liebschaft mit dem Romancier. Die Titel der unzähligen Klavierminiaturen dieser ersten vollständigen Werkschau berühren viele der typischen fin-de-siècle-Motive, wie sie auch Prousts frühes Werk durchziehen: Versailles, die holländischen Maler, Venedig und immer wieder die Liebe – der ferne Geist der belle epoque durchzieht diese oft fragmentarischen, jeder Assoziation offenen Kompositionen. Oder könnte es zumindest, hinderte es nicht ein völlig unkontrollierter, fader Einheitsklang und gänzliche rhythmische Unflexibilität am Aufblühen der Imagination. Höchste Anspannung der Fantasie lässt immerhin ahnen, dass schon kleine Zyklen wie „Pièces d’amour“ eine reizende Fundgrube abgäben, Wort-Ton-Programme nicht immer mit den ewig gleichen Satie- oder Debussy-Kompositionen zu unterlegen. Noch schmerzhafter berührt das zähe, undifferenzierte Musizieren beim riesigen, 53 Miniaturen umfassenden Zyklus „Le rossignol éperdu“, der uns über zwei Stunden lang in den Orient, in Treibhäuser, durch Goethes „Faust“ und wohin nicht noch führt – eine musikalische Weltausstellung der Jahrhundertwende. Aber nur ein wenig Geduld, und die Pforten werden sich auftun: Im April soll eine Gesamtaufnahme mit dem kürzlich verstorbenen Earl Wild erscheinen (Ivory classics). Bis dahin muss man sich damit begnügen, es nach der Proust-Lektüre einmal selbst zu wagen, wenn man das Glück hat, Klavierspielen zu können.

Matthias Kornemann, 05.04.2014



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn man eine Umfrage über die Lieblingsjahreszeiten machen würde, dann würde der Winter dabei vermutlich eher schlecht abschneiden. Zu kalt, zu nass, zu dunkel – so die landläufige Meinung über diesen introvertierten Bruder des sonnensatten Sommers und der farbenfrohen Übergangszeiten. Nur Weihnachten, das bildet ein kleines, gemütliches (wenn auch für viele nicht unstressiges) Glanzlicht in der Winter-Tristesse. Doch der Winter ist weit mehr als nur die dunkle Jahreszeit, das hat […] mehr »


Top