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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Othmar Schoeck, Franz Schreker

Notturno op. 47, Der Wind

Stephan Genz, Leipziger Streichquartett

MDG/Naxos MDG 307 1815
(51 Min., 1/2013)

Mit seinem 1933 vollendeten Zyklus „Notturno“ hat sich Othmar Schoeck wieder einmal zwischen alle Stühle gesetzt – schließlich steht die Liederfolge für Bariton und Streichquartett nach Gedichten von Nikolaus Lenau sowohl zwischen den Gattungen Lied und Kammermusik wie zwischen den Stilepochen der Spätromantik und der Moderne. Dies mag für einige Jahrzehnte die Bekanntheit des Werks eingeschränkt haben. Doch umso größer der zeitliche Abstand wird, umso deutlicher ist zu hören, dass weder die Wahl einer Textvorlage aus der Mitte des 19. Jahrhunderts noch der Verzicht auf reine Atonalität Rückwärtsgewandtheit bedeutet. Vielmehr liest Schoeck aus Lenaus Nachtstücken eine bis heute modern wirkende, düstere Expressivität heraus, ohne der Sprache und den Versen Gewalt anzutun. Auch die fast gleichberechtigt geführten Streicher, die den Inhalt auch in ausgedehnten instrumentalen Intermezzi reflektieren, machen dabei deutlich, dass hier keine traditionelle „Vertonung“ vorliegt, sondern gleichsam ein nach innen wirkender Leseprozess abgebildet wird.
Und die Interpreten setzten dieses Konzept auf das Überzeugendste um: Mit traumwandlerisch sicher gesetzten Betonungen und feinen Schattierungen seines klangschönen Baritons lässt Stephan Genz die Texte zwischen Vergegenwärtigung und Erinnerung, Traum und Bewusstheit schweben – und das Leipziger Streichquartett als kongenialer Partner ist in der Lage, diese Spannung sogar in den rein instrumentalen Passagen ohne Abstriche aufrecht zu erhalten. Auf das letzte Lied, in dem sich Sänger und Instrumente in der Betrachtung des Sternenhimmels verlieren, dürfte auch einfach nur atemlose Stille folgen. Die stattdessen eingespielte lautmalerische Ballettmusik „Der Wind“, die Franz Schreker als Gelegenheitswerk für die Tänzerin Grete Wiesenthal schrieb, ist eine leichtgewichtigere, aber doch sorgsam gestaltete Zugabe.

Carsten Niemann, 22.02.2014



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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