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N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



Übermut kommt vor dem Fall. An dieser Menschheitsdevise ist schon so mancher zu Schaden gekommen. So auch Phaéton, dieser von Ovid besungene und mit dicken Pinselstrichen verewigte Sohnemann des Sonnengottes Helios. Einmal Papas Rennschlitten bzw. Sonnenwagen durch die Lüfte zu navigieren – von diesem Plan lässt er sich keine Sekunde abbringen. Und dafür bekommt er prompt die Quittung vom Weltenlenker Jupiter, der ihn mit einem Blitz vom Himmel holt. Für Jean-Baptiste Lully und seinen Librettisten Quinault war dieser Stoff natürlich wie geschaffen, um daraus eine symbolträchtige Oper zu Ehren des Sonnenkönigs zu machen. Louis XIV. saß 1683, im Jahr der Uraufführung der fünfaktigen Tragédie lyrique „Phaéton“, zwar absolut fest im Sattel. Dennoch konnten Lully & Quinault jetzt noch mal all jenen vor Augen und Ohren führen, was einen erwartet, wenn man am königlichen Stuhl sägen möchte.
Nun hätte man gedacht, dass ein im Tonmalerischen so ausgeschlafener Komponist wie Lully die finale Szene effektvoll mit Blitz und Donner inszeniert. Aber nichts da. Stattdessen verabschiedet sich der Chor mit einem würdevollen Trauergesang vom Titelhelden. Und wer sich danach einmal das Vergnügen macht, diese Neueinspielung von dem versierten Lully-Team um Christophe Rousset mit der Aufnahme Marc Minkowskis aus dem Jahr 1994 abzugleichen, der wird oft sein blaues Wunder erleben. Denn allein bei der allerletzten Szene kann man es nicht glauben, dass es eigentlich ein und dasselbe Stück sein soll. So radikal und furios kurz und knackig Minkowski da zu Werke ging – rückblickend liegt Rousset ihm trotzdem um mehr als nur eine Nasenlänge voraus. Denn inzwischen hat er sich mit seinem Ensemble Les Talens Lyriques mit den Nerven- und Blutbahnen eines Opernstils wie kein Zweiter vertraut gemacht, der lange als reinste, stocksteife Barock-Rhetorik verunglimpft wurde. Und so muss Rousset seine auch hier wieder exzellenten Sänger nie bis zum Äußersten voranpeitschen, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Vielmehr liegt der wahre Zauber in all den Momenten, in denen die eigentlichen Katastrophen sich im Seeleninnersten abspielen. Und denen gibt der junge Schweizer Tenor Emiliano Gonzalez Toro als „Phaéton“ stellvertretend für nahezu das gesamte Ensemble beeindruckend Kontur. Nur bei einer einzigen Arie hat es – wie übrigens schon bei Minkowski – wieder nicht hingehauen. Es ist die dramatische Anrufung des Helios „C´est toi, qu´en atteste“, die eine der großartigsten Stücke in Geschichte der französischen Barockoper ist. Aber Tenor Cyril Auvity konnte das leider nur zu 80 Prozent verdeutlichen.

Guido Fischer, 15.02.2014



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