Responsive image
Georg Friedrich Händel

Concertos (Orgelkonzerte op. 4 und op. 7 auf verschiedenen Instrumenten)

Ragna Schirmer, Händelfestspielorchester Halle, Bernhard Forck, Ensemble Da Cuore, Stefan Malzew u.a.

Berlin Classics/Edel 0300554BC
(219 Min., 10 & 3/2012, 1 & 5/2013, 7/2013) 3 CDs

Auf die Begeisterung folgt erst einmal ein Schock. Klar – es ist großartig, dass sich mit Ragna Schirmer eine moderne Pianistin und wichtige Händel-Interpretin an Händels op. 4 und op. 7 herangewagt hat – denn da Händel die Konzerte nicht nur der Orgel, sondern auch Cembalo und Harfe zugedacht hat, verdienen sie mindestens den gleichen Platz im Pianistenrepertoire wie Bachs Cembalokonzerte. Doch Schirmer gibt sich nicht mit der Interpretation auf großem Steinwayflügel mit Orchester zufrieden, sondern sie mischt mutig Zeit- und Stilebenen: Die erste CD ist auf einem Hammerflügel in der Bauweise des späten 18. Jahrhunderts eingespielt, die dritte bringt verjazzte Versionen der Konzerte mit einer Hammondorgel als Soloinstrument und auf der zweiten gibt es als Ergänzung noch ein als Hommage gedachtes Concertino für Klavier und Orchester des 1970 geborenen Guillaume Connesson.
Nicht nur bei den Jazzfassungen bewegt sich Schirmer frei im Notentext. Einige Konzerte spielt sie, wie weit bis ins 19. Jahrhundert in Bürgerstuben üblich, in einer Fassung für Klavier allein: Sie oktaviert, verziert und improvisiert und tauscht sogar ein Mal die Rolle mit dem Orchester, so dass die Bläser das Flötenregister der Orgel imitieren. Am stärksten verfremdet wirken bei allem klangfarblichen Reiz die Aufnahmen auf dem Hammerflügel: Trotz historisch informierter Verzierungstechnik und Artikulation steht Schirmers klarer, kraftvoller Anschlag in einem Spannungsverhältnis zu den erdigeren Farben der Originalinstrumente des Orchesters.
Beim Kern ihrer Meisterschaft ist Schirmer auf dem Steinway angelangt, dessen Klangmacht und -pracht sie mit Lust auslotet – in einer leidenschaftlichen, glutvollen aber differenzierten Interpretation, die besonders Händels italienische Seele zum Klingen bringt. Von purer Klanglust improvisatorischer Freiheitsliebe erzählt die dritte CD mit Hammondorgel und Jazzcombo – aber so glühend, dass die Musiker nie in unverbindlich swingende Happy Music abgleiten. Zu einem ganzheitlichen Musizieren, das nicht bei der Auseinandersetzung mit dem historischen Moment der Uraufführung stehen bleibt, hat Ragna Schirmer mit diesem Ohren und Geist öffnenden Experiment einen wichtigen Beitrag geleistet.

Carsten Niemann, 14.12.2013



Diese CD können Sie kaufen bei:



Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top