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Bryce Dessner

Aheym

Kronos Quartet

Anti/Indigo 984272
(45 Min., 8/2012)

Genreüberschreitungen sind möglich. Immerhin kann Bryce Dessner einerseits mit der Rockband „The National“ in die Charts gelangen und andererseits in Europa mit Neuer Musik zu einer festen Größe werden und Aufträge der Thyssen Bornemisza Art Contemporary, der Amsterdam Sinfonietta und des Muziekgebouw Eindhoven annehmen. Vier seiner Stücke haben die Dauer-Grenzgänger des Kronos Quartet aufgenommen. Harsche, im Stil der minimal music konzentrierte, kleine Gegenfiguren eröffnen „Aheym“, bevor ein wellenartig beschwingter Mittelteil Entspannung bringt – ein Spiegel der hektischen Flucht seiner jüdischen Großmutter aus Łodz in die USA. „Little Blue Something“ heißt ursprünglich eine LP tschechischer Straßenmusiker, die Dessner wegen ihrer minimalistischen Grundstrukturen gefiel. Die eigene Komposition setzt ebenfalls minimalistische Grundbewegungen gegen Melodiesprengsel, lässt aber auch Raum für kaum untermalte Solopassagen. „Tenebre“ für Stimme und Streichquartett ist dem Lichtdesigner des Kronos Quartet zu dessen 50. Geburtstag und Steve Reich zu dessen 75. gewidmet. Das religiöse Tenebre interessiert Dessner nur wenig, auch wenn er in seinem Werk Zitate von Thomas Tallis, Carlo Gesualdo, Giovanni Pierluigi da Palestrina und François Couperin verwendet. Im Gegensatz zu deren religiösen Werken symbolisiert Dessner mit mehreren Variationen eines fast aus dem Nichts ansteigenden Klangvolumens die Entwicklung von Dunkelheit zum Licht, in die sich auch rockige Figuren und – gegen Ende – Playback-Stimmen mischen. Das Chorwerk „Tour Eiffel“, in dem er selbst als Gitarrist mitwirkt, vermengt Motive und Figuren des Avantgarderock mit der Tradition des Minimalismus. Alles in allem: nette Grenzüberschreitungen, weit entfernt von der Tiefe der zeitgenössischen Neuen Musik und ein gefälliger Crossover zwischen Rock, Minimalismus und der Klangwelt eines Streichquartetts.

Werner Stiefele, 30.11.2013



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