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Ludwig van Beethoven

Diabelli-Variationen op. 120, Klaviersonate c-Moll op. 111, Sechs Bagatellen op. 126

András Schiff

ECM/Universal 002894810446
(150 Min., 7 & 12/2012) 2 CDs

Kann man gegen die Vernachlässigung der Diabelli-Variationen, dieses Spätwerk-Ungetümes, das die Pianisten wohl doch lieber mögen als die Hörer, und gegen die etwas ermüdende Steinway-Monokultur zugleich etwas unternehmen? András Schiff antwortet mit einer ungewöhnlichen Versuchsanordnung. Wir sind eingeladen zu vergleichen und hören die Variationen auf einem 1820 entstandenen, wunderbar erhaltenen Wiener Brodmann-Flügel, im zweiten Durchgang dann aber nicht auf einem modernen Instrument, sondern auf einem sacht ins Historische entrückten Bechstein der 1920er Jahre. Das ist doch einmal etwas Aufregendes, und der Initiator des „Experiments“ führt es auch mit höchster Inspiration vor.
Die Diabelli-Variationen absorbieren offenbar die Schiffsche Neigung, Fäden aus den Texturen zu ziehen und gesondert zu beleuchten, was in manchen Sonaten Beethovens zu einer gewissen Aufhaspelung der großen Linien führte. Die Diabelli-Variationen fliegen dagegen, salopp gesagt, Hörern und Spielern ohnehin um die Ohren, Daniel-Ben Pienaar ließ die Trümmerteile kürzlich bis in den hintersten Winkel des Klangkosmos driften. Schiff aber bändigt diese Bewegung, er wählt keine extremen Tempi, keine allzu grellen dynamischen Kontraste und lässt kein humoristisches Poltern hören. Wie Pienaar hört er sehr sorgsam auf die Unterstimmen, aber er entdeckt dort keine destruktiven Kräfte, sondern Halt. Erstaunlich etwa, wie Schiff in der Nr. 7 die hakelige Rechte ganz allmählich in den Hintergrund schickt, um der Basslinie zu folgen – ein Effekt, der so auf dem quasi-modernen Bechstein nicht funktioniert, der Diskant kann seinen Glanz nicht ganz ablegen. Der sarkastische Biss der „Leporello-Variation“ entfaltet sich dafür stärker auf dem neueren Flügel. So hat Schiff die beiden Ziele seiner „Versuchsreihe“ immer zugleich im Blick: Der in jeder Variation in ganz anderer Weise hervortretende Unterschied zwischen den Klangbildern der Instrumente weist den Hörer ja auch immer zu etwas kompositorisch Wesentlichem.
Und doch macht uns Schiff parteiisch. Mögen die Umrisse beider Zyklen auch ausgesprochen ähnlich sein, hat er sich wohl doch in den zart modulierbaren Ton des Brodmann verliebt und wählt insgesamt etwas mäßigere Tempi. Es ist aber auch hinreißend, welch magisch gebrochene Farbwirkung die Verschiebung in der Fughetta (Nr. 23) erzeugt. Als sei das nicht genug, hat der Ungar auch noch einen klaffenden ideologischen Graben unserer Gegenwart überbrückt. Wären „informierte“ Praxis und modernes Klavierspiel souveräner zu versöhnen als hier?

Matthias Kornemann, 16.11.2013



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