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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten Nr. 28 - 32

Igor Levit

Sony 888837038720
(132 Min., 1 & 2/2013) 2 CDs

Wenn mir das publizistische Dröhnen anlässlich einer Neuerscheinung die Unvoreingenommenheit stiehlt, wie im Fall der späten Beethoven-Sonaten mit Igor Levit, hilft wirklich nur noch eins: Blindhören! Meine Frau erbarmt sich und legte mir CDs ein, in den letzten Jahren sind ja mit Korstick, Siirala, Bavouzet, Lewis oder Leotta doch einige sehr gelungene, gefällige oder immerhin stimulierend-widersprüchliche Beethoven-Aufnahmen zusammengekommen. Was all diese Künstler von dem hier debütierenden Igor Levit unterscheidet, ist Demut. Demut vor einem Werkkomplex, für dessen Durchdringung – ob man seine kunstreligiöse Erhebung zum Spätwerk-Sanktuarium nun mag oder nicht – ein ganzes Pianisten- oder Hörerleben kaum ausreicht. Aber das sieht Levit wohl anders.
Der Beginn mit dem Opus 101 ist vielversprechend. Die „unendliche Melodie“ strömt Levit wunderbar natürlich und klangschön durch die Hände; auch das Finale meistert er beeindruckend und ohne zu forcieren. Würde es nur so weitergehen! Im Hammerklavier-Kopfsatz will er uns mit donnernder Großspurigkeit zeigen, dass Beethovens Metronomangaben „alternativlos“ seien. Damit scheiterte ein Gulda dann doch zwingender. Manches klug inszenierte Detail – etwa der eindrucksvoll im Pedal gehaltene h-Moll-Einbruch der Reprise – verliert in der Hetze und bei teilweise schludriger, unorganischer Phrasierung seine Wirkung. Die Schlussfuge ist zügig, ziemlich rhetorisch in den ruppigen Abphrasierungen und auch etwas grob; von der anstrengenden und ermattenden Lösung des Tonarten-Dramas dieser Sonate zeugt sie nicht. Immerhin, dieses Klavierspiel hat Schwung und eine Haltung. Damit hätte er es gut sein lassen sollen. Die letzten drei Sonaten sind von einer sprachlich kaum einzufangenden Marshmallow-Konsistenz. Alles klingt gediegen, kontrolliert und samtig.
Und ist doch von einer monumentalen künstlerischen Absichtslosigkeit, die in einem wahrlich grotesken Gegensatz zu Martin Gecks wunderbarem Booklettext steht, der von „gelebter Spannung“ und „freigelassener Emotionalität“ schreibt. Zwei Beispiele nur. Es ist raffiniert, wie Beethoven der fahlen, ganz ins Piano getauchten Durchführung des Op. 110-Kopfsatzes die emphatische Ausdruckskraft des Vorausgegangenen entzieht. Ein komponiertes Sehnen nach dem erlösenden Eintritt der Reprise, und doch müsste man das Leben unter der erfrorenen Oberfläche bemerken, sollte die leise Spannung und das Erwarten aus den Sechzehntelbewegungen der Linken sprechen. Bei Levit bedeuten diese Takte nichts, absolut nichts. Auch der „klagende Gesang“ ist nicht mehr als eine sinnlose Tonfolge, die expressives „zur Sprache drängen“ kaum ahnt. Dem Rezensenten fehlen die Worte.
Dass schließlich jemand in der Arietta des Opus 111, nach der durchaus gestalteten Es-Dur-Entrückung, das hymnische Wunder der fünften Variation spielen kann, als laufe allmählich eine Badewanne mit lauen Zweiunddreißigstelnoten voll, ist nicht zu fassen. Und alle finden es großartig, nächstes Jahr gibt‘s den ECHO und Konzerte auf allen schicken Festivals. Die Einflüsterungskräfte unserer Epoche sind wirklich beeindruckend.
Ja, Levit spielt sehr gut Klavier, liest sorgfältig und agiert meist erfreulich unmanieriert. Aber es war keine reife Entscheidung, sich mit dieser maßlosen Repertoirewahl an den Olymp der Beethovenspieler anzupirschen. Der überragt Levits interpretatorisches Niveau wie der Nanga Parbat den Kahlen Asten.

Matthias Kornemann, 05.10.2013



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