Sony 88725470602
(62 Min., 9/2011 - 6/2012)
Nach den „preußischen“ Quartetten von Mozart veröffentlicht das US-amerikanische Emerson-Quartett auf seinem zweiten Album bei Sony ein ungleiches Paar. Obwohl Zeitgenossen, chronologisch gesehen, findet man zwischen den Streichsextetten von Tschaikowski und Schönberg wenig Parallelen. Auch der Album-Titel „Journeys“ hilft nicht wirklich weiter. Klar, Tschaikowski hat von einer Italienreise ein hübsches Thema mitgebracht und im zweiten Satz seines Werkes weidlich ausgeschlachtet, mehr Fernweh aber gibt’s nicht im „Souvenir de Florence“. Und Schönbergs „Verklärte Nacht“ daran anzudocken als „psychologische Reise“, macht die Sache auch nicht stimmiger. Die Unterschiede sprechen eine deutlichere Sprache: hier Tschaikowskis Vermählung traditioneller Form mit sentimentaler Salon-Ästhetik, dort Schönbergs radikaler Aufbruch in einen nur noch dem eigenen Ausdruck verpflichteten Expressionismus.
Wie dem auch sei: Die um den Bratschisten Paul Neubauer und den Cellisten Colin Carr aufgestockten Emersons begegnen beiden Sextetten mit ähnlicher Vehemenz. Straffe Tempi und kräftige Dynamik verdichten die ohnehin enge Stimmführung, ein deutlicher Drive bringt vor allem Tschaikowski auf Trab und dämmt den Kitsch, der hier mancherorts zu wuchern droht. Deutlich bei Schönberg der Zug ins Sinfonische: Als Kammermusik zeigt sich diese „Verklärte Nacht“ kaum noch irgendwo. Mit der Balance allerdings hapert es hier und da. Korrespondenzen in den Stimmen könnten deutlicher herausgearbeitet werden, die peniblen Vortragsbezeichnungen und Phrasierungen zudem genauer befolgt werden. Die erste Schönberg-Aufnahme überhaupt in fast 40-jähriger Ensemble-Geschichte hätte ein klein wenig mehr Sorgfalt verdient.
Raoul Mörchen, 20.07.2013
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