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Kaija Saariaho

La Passion de Simone

Dawn Upshaw, Esa-Pekka Salonen, Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Tapiola Kammerchor

Ondine/Naxos ODE 12175
(67 Min., 10/2012)

Wer hat gesagt, dass Passionsgeschichten immer vom Leiden Christi handeln müssen? Die finnische Komponistin Kaija Saariaho und der französischsprachige Librettist Amin Maalouf, die im Jahr 2000 mit „L'Amour de loin“ den ersten größeren Opernerfolg des jungen Jahrhunderts errangen, haben sich jedenfalls entschieden, in ihrem Oratorium die Leidensgeschichte der Simone Weil (1909 - 1943) zu reflektieren. Das ist keine Blasphemie, denn die aus jüdischem Elternhaus stammende Philosophin, die sich aus Solidarität zu den darbenden und geknechteten Massen gesundheitlich zu Grunde richtete, lebte eine radikale Nachfolge Christi. Als Intellektuelle in einem von Männern dominierten Bildungssystem und als marxistisch geprägte Aktivistin wurde die starke Frau mit dem „Gesicht eines mystischen Schulmädchens“ (Maalouf) zugleich zu einer Ikone der Moderne und Identifikationsfigur der Frauenbewegung. Maaloufs Libretto ist durchaus gelungen: Er spricht Simone so vertraulich wie eine Heilige an, um sie dabei zugleich kritisch zu hinterfragen.
Auch Saariahos Orchestersprache wird dem Sujet auf ihre Weise gerecht: Brillant instrumentiert und immer wieder die Grenzen zu Geräusch und Elektroakustik berührend, ist sie komplex und klar, logisch und mystisch, traditionsbewusst und modern zugleich. Problematisch sind jedoch die Vokalparts. Wahrscheinlich hätte es genügt, Maaloufs Text von einem guten Sprecher rezitieren zu lassen. Doch allzu oft wird das fein ausgehörte Orchestergespinst von dem in öden homophonen Tutti skandierenden Chor überdeckt. Auch der Solopart mit seinen stereotyp angesteuerten bedeutungsvollen Spitzentönen, die Dawn Upshaw noch zusätzlich mit Vibrato anreichert, wirkt allzu pathetisch und wird letztlich nur dort interessant, wo seine Motivik vom Orchester aufgegriffen und schillernd gespiegelt wird.

Carsten Niemann, 06.07.2013



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