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Johann Sebastian Bach

Johannespassion

John Butt, Dunedin Consort

Linn/Codaex CKD 419
(139 Min., 9 & 11/2011) 2 CDs, SACDs

Es war nur eine Frage der Zeit: Auch John Butt würde eine Version der „Johannespassion“ vorlegen. Aber es hat viele neue historisierende Johannespassionen gegeben in den letzten Jahren – was kann eine weitere Einspielung an bisher Ungehörtem bieten?
Butts auffälligstes Plus ist tatsächlich ein „Plus“ im quantitativen Sinne: Seine Passion erklingt eingebettet in eine komplette Vesperliturgie, wie sie in Leipzig zu Bachs Zeit hätte stattfinden können. Wir hören Choralvorspiele der Orgel (aus Bachs Feder), Gemeindechoräle (unbegleitet wie karfreitags üblich) und weitere liturgische Elemente. Sogar eine originale Predigt können wir erleben; sie muss allerdings von der Website des Labels heruntergeladen werden, ist also leider nicht auf den CDs enthalten. Freilich nimmt die Johannespassion selbst so viel Raum ein und ist, einmal angelaufen, so sehr ein geschlossenes Ganzes, dass ein wirklicher liturgischer Gesamteindruck kaum entstehen kann: Die Passion ist und bleibt einfach ein Kosmos für sich. Aber dennoch: Interessant ist das Experiment allemal, und gegen eine Rückbesinnung auf die originalen liturgischen Plätze jener Werke, die wir heute ausschließlich konzertant zu hören gewohnt sind, spricht gar nichts.
Bleibt die Frage nach den musikalischen Qualitäten der Neueinspielung. Butt musiziert mit sehr kleiner Orchesterbesetzung und auf vokaler Ebene mit einem Doppelquartett, so wie es die Quellen „beim Wort genommen“ zu implizieren scheinen. Das ist nicht mehr neu, fasziniert aber immer wieder. Butts bewährtes Sängerteam agiert vor allem in den Rezitativen, aber auch z. B. im Eingangschor nicht übermäßig schlank, sondern durchaus emotionsgesättigt und auch mit teils bemerkenswertem Vibrato; sehr schnittig, fast zu glatt gelegentlich, kommen indes die Turba-Chöre daher. Matthew Brook klingt als Christus manchmal etwas blechern, präsentiert sich aber in der „Eilt“-Arie sehr markant. Für den Kenner sind zahlreiche Details interessant – etwa der Abschied von Laute und Violen im „Arioso“ zugunsten von Orgel und gedämpften Violinen oder die differenzierte rhythmische Umsetzung der „Ach, mein Sinn“-Arie (ohne Angleichung der auftaktigen Achtel). Kurz gesagt: Butts Johannespassion ist insgesamt wohl nicht die überzeugendste „Neue“, aber zu entdecken und auch zu genießen gibt es dennoch eine Menge.

Michael Wersin, 18.05.2013



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