Abschied zu nehmen von den Toten ist nie ein leichter Gang. Neben Schmerz und Trauer tritt immer auch das Wissen um die eigene Vergänglichkeit. Wenn auf dieser Einspielung von Mozarts “Requiem” die Streicher des “Concert des Nations” unter Jordi Savall zum Introitus ansetzen, kann man diese Bitternis deutlich hören. Schwer, ein wenig außer Tritt fast, kommt die Prozession der Bass-Noten voran. Kein festlicher Glanz, keine Prachtentfaltung, sondern die Endlichkeit und Vergeblichkeit unseres Erdenwandelns ist hier zu hören, gekleidet in die dunklen Farben der Holzbläser. Daß dann vor dem ersten Choreinsatz die Posaunen des Jüngsten Gerichts dem Hörer unangenehm nah auf den akustischen Pelz rücken, passt genauso ins Konzept: Dem entkommst auch Du nicht, lieber Hörer, scheinen sie zu höhnen.
Eben nicht mit gedankenschwerer Askese, sondern mit drastischer Unmittelbarkeit ruft die Königliche Kapelle Kataloniens unter Leitung von Jordi Savall zu Umkehr und Buße. Den gerade einmal knapp zwanzig Sängerinnen und Sängern ist es mit diesem Werk ungemein ernst. Ihre Ausdruckskraft wird nur von der Makellosigkeit ihrer Klangpracht übertroffen - Chorgesang in Vollendung. Ihre Gestaltung des “Lacrimosa” sollte selbst dem Verstocktesten das Herz öffnen. Das Solistenquartett verzichtet auf alle opernhaften Manierismen, entwickelt statt dessen alle Affekte aus Mozarts Klangrede. Eine Einspielung, die auf lange Zeit Maßstäbe setzen dürfte.

Stefan Heßbrüggen, 30.06.1998



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