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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



Die einen lassen mit ihrer Koloraturenpower keine Zweifel daran aufkommen, dass ihr Liebesleben und Seelenheil gehörig aus den barocken Fugen geraten ist. Im Kontrast zu jenen Bartolis und Kermes´ brauchen Kolleginnen wie Magdalena Kožená nur einmal kurz und wundersam anrührend aufzuseufzen – und schon weiß man, dass der Bogenschütze Amor auch mal einen schlechten Tag haben kann. Nun ist auch die Sopranistin Anna Prohaska in die Gefühlswelten des 17. und frühen 18. Jahrhunderts eingetaucht. Und schon der rote Programmfaden verrät, dass hier die Sängerin wohl nur selten in Rage geraten und der Raserei verfallen wird. Für das mit „Zauberwald“ betitelte Album ist Prohaska in die Rollen von Nymphen (Daphne) Zauberinnen (Armida) und weiteren weiblichen Mythenwesen geschlüpft, die zumindest laut ihrer musikalischen Porträtisten aus den Sehnsüchten oftmals kein großes Spektakel gemacht haben.
So schafft es Prohaska etwa in Henry Purcells trauertrunkenem „O Let Me Weep“ (aus „The Fairy Queen“) mit geradezu berückender Intensität, die Zeit stillstehen zu lassen. Und auch die pastorale Innigkeit von Händels „Felicissima quest´alma“ kommt mit einer Eleganz und Tonschönheit daher, dass man vor der gerade mal 30-jährigen Ausdruckskünstlerin den Hut ziehen muss.
Dass Prohaska aber doch noch nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen ist, zeigt sie zwischendurch immer wieder. Gerade in den eingestreuten Arien, in denen wie in Händels „Furie terribili“ das Temperamentsbarometer im roten Bereich ausschlägt, fehlt Prohaska das nötige Volumen und die Entspanntheit im technisch so Anspruchsvollen. Und auch in Vivaldis „Alma oppressa“ kann Prohaska trotz makelloser Stimmführung nicht mit dem furiosen Beben mithalten, das das von Jonathan Cohen geleitete Alte Musik-Ensemble Arcangelo auslöst. Dennoch ist die Sängerin schon auf dem allerbesten Weg: Wie sie schließlich in Monteverdis „Lamento della ninfa“ das Schmerzhafte und gleichzeitig die ungeheure Modernität dieser Musik bis in die letzte Pore auskostet, kommt einem goldenen Schuss mitten ins Herz gleich.

Guido Fischer, 20.04.2013



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