Es gehört schon eine Portion Mut dazu, als Böhme nach Italien zu ziehen, um ausgerechnet im Mutterland der Gattung als Opernkomponist sein Glück zu versuchen. Josef Mysliveček hieß der beherzte Mann, der sich mit Mitte 20 auf den Weg machte und tatsächlich Italien für sich eroberte. Innerhalb von 15 Jahren schrieb er rund 30 Opern für alle wichtigen Bühnen des Landes: Venedig, Mailand, Florenz, Neapel – und Rom.
Genau dort wurde 1780 als seine vorletzte Oper "Medonte" uraufgeführt, ein herrliches Werk, aber wie eigentlich alle anderen von Mysliveček aus unverständlichen Gründen bis heute unbekannt. Das fand auch Werner Ehrhardt und stellte "Medonte" im Dezember 2010 in einer konzertanten Aufführung vor, die von Sony dankenswerterweise mitgeschnitten wurde. Als erfahrener Ensembleleiter schafft er mit seinem l'arte del mondo eine ideale Klangbühne für die sechs Vokalsolisten. Fünf Damen sind es, die dem Hörer die Schönheiten der Partitur schmackhaft machen, allerdings gebührt die Palme nicht der bekanntesten von ihnen, Juanita Lascarro, sondern ihrer Kollegin Susanne Bernhard. Vervollständigt wird das Sextett vom einzigen Herrn im Bunde, Thomas Michael Allen. Und genau der ist der Schwachpunkt des Mitschnitts. Mit seinem in der Höhe unergiebigen, engen Tenor, der zudem bei Koloraturen heftig ins Schleudern gerät bzw. eine merkwürdige Auffassung von deren technischer Umsetzung hat, ist er definitiv die falsche Besetzung für die (zugegebenermaßen schwierige) Titelpartie. Aber wer wird sich schon von einem Tenor das Vergnügen an einer schönen Oper trüben lassen?

Michael Blümke, 02.02.2013



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