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Orlando Gibbons, William Walton, John Sheppard, Jonathan Dove u.a.

A Song Of Farewell

Paul McCreesh, Gabrieli Consort

Signum/Note 1 SIGCD281
(76 Min., 11/2009)

Draußen explodieren die Weihnachtsmarktstände: Der Volkstrauertag ist kaum vorüber, da scheint es, als ob sich die angehäuften Waren, Wurstmassen und Glühweinliter nicht mehr länger halten lassen. Ungern wird der Mensch an seine Vergänglichkeit erinnert. Aber wer gerade nicht mit vollem Mund vergessen, sondern die nebelverhangene Stimmung des Spätnovembers aufnehmen möchte, wird sich über diese Chor-CD von Paul McCreesh freuen – wie gemacht für den morgigen Totensonntag.
Ähnlich wie schon auf seinem letzten DG-Album (vor Gründung seines eigenen Labels Winged Lion), A Spotless Rose, hat McCreesh eine Werkauswahl getroffen, die ganz selbstverständlich die englische Tudor-Epoche neben zeitgenössische Komponisten stellt. Mit dem unbequemen Thema sicher kein Top-Selling-Produkt; aber die Kontraste dieser Zusammenschau von Chorstücken so unterschiedlicher Zeiten – Hymnen, Motetten und ein Requiem – öffnen die Ohren zu einigen überraschenden, klangsinnlichen Eindrücken. McCreesh wechselt dabei die Chorbesetzung, alte Motetten werden ausschließlich von den Männerstimmen gesungen, bei modernen Werken treten Altistinnen und Soprane hinzu.
Wer sich in die tröstliche Klangwelt des frühbarocken Trauerrhymnus „Drop, Drop, Slow Tears“ von Orlando Gibbons hineingehört hat, kann an den langsam wechselnden, eingedämpften Harmonien in William Waltons spätromantischer Vertonung desselben Textes, die hier unmittelbar folgt, Reibungen entdecken, die das Werk an sich für heutige Ohren nicht mehr bietet. Selbst ein Komponist wie Jonathan Dove (*1959), dessen Chorwerke in Nähe zu seinen Opern- und Filmpartituren man vielleicht als geschmeidig bezeichnen würde, gewinnt in dieser erlauchten Runde der Trauer- und Trostgesänge an Bedeutung. Gerade nach John Sheppards Motette „In Manus Tuas“, die sich sehr zurückhaltend zwischen der gregorianischen Einstimmigkeit und nur zögerlich entfalteter Vielstimmigkeit bewegt, lassen sich die – wie in große Weite oder nach Oben ziehenden – Chorcluster in Doves „Into Thy Hands“ auskosten. Nach dem aufgewühlten, mit dem Tod ringenden Mittelteil ist der sanfte, an langsame Glockenskalen erinnernde Ausklang schlicht sehr berührend. Das könnte auch anders sein, aber das Gabrieli Consort unter McCreesh wird seinem Ruf gerecht. Mir fällt kein anderer Chor in der ohnehin sehr hochstehenden englischen Chorlandschaft ein, der derzeit einen so reizvoll zwischen Mittel- und Außenstimmen ausbalancierten Chorklang und solch lupenreine Intonation besitzt.

Carsten Hinrichs, 24.11.2012



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