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Ludwig van Beethoven

Sämtliche Bagatellen

Steven Osborne

Hyperion/codaex CDA 67879
(67 Min., 7/2011)

Mögen Beethovens „Kleinigkeiten“ auch keine aufgeschriebenen Improvisationen sein, einen Zug seines Improvisierens bewahren sie. Mit Lust spielt er mit Motiven seiner Sprache, lässt sie unvermittelt aufeinanderprallen, ohne sich um die folgerichtige Ausformulierung zu sorgen, die sein Sonatendenken prägt. Doch gerade dieses jähe, unbehauene Wesen scheint Steven Osborne, als kultivierter Debussyspieler bekannt, mit Geschmack und Gewissenhaftigkeit glätten zu wollen, als sei ihm das Bestehende doch zu primitiv. Wer gleich in der ersten Nummer des Opus 33 die 32tel-Gänge, Quintolen und Sextolen uhrwerkhaft auszählt (!), tötet den launenhaften Geist des Sätzleins, sind diese sich beschleunigenden Figuren doch erst witzig, wenn sie sich wie Kaugummi allmählich immer weiter dehnen. Um die Beethovenschen Pointen zu setzen, bedarf es flexiblen Timings. Am Ende der zweiten Bagatelle spielt Beethoven erst mit polternd versetzen Akkorden und dann mit unregelmäßigen Pausen – Laune, Jähzorn und grober Humor brechen durch, Osborne aber zählt wieder beflissen; das ist dann, wie schon in den überkorrekten Terzgängen des Mittelteils, besseres Blattspiel.
Doch nicht nur die Geste des launig Hingeworfenen erfriert, auch jähe Kontraste und Akzentuierungen finden sich milde nivelliert. Den toccatenhaften Beginn der zweite Bagatelle des Opus 126 meißelt sogar der gerne ins zart nuancierend ausweichende Kempff grimmig aus, von Brendel oder dem entfesselten Kovacevich ganz zu schweigen. Osborne aber ebnet in unverbindlicher Spielkultur den Kontrast zum lyrischen Thema, das diese ruppigen Figurationen auffängt. Den oft häßlich-rauen Klang des späten Beethoven scheint er zu fürchten. Wird es innig, fühlt er sich wohler. Nur einmal, in der Nr. 4, spielt er die Gegensätze zwischen Presto-Wüten und den eigenartig einlullenden Bordunbässen des Seitensatzes ganz aus. Da ahnt man, was hätte werden können.
Beethovens Bagatellen sind zerfurcht und wetterwendisch, Zorn und Anmut, Witz und Melancholie jagen unvermittelt vorüber. Der betuliche Osborne aber legt einen sachten Firnis darüber, der die Konturen verschwimmen lässt.

Matthias Kornemann, 28.07.2012



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