Die Oper zum Film über das Buch der wahren Begebenheit – so ließe sich "Dead Man Walking" von Jake Heggie auf einen kurzen Nenner bringen. Im Jahr 2000 hat die San Francisco Opera dieses Auftragswerk zur – höchst erfolgreichen – Uraufführung gebracht, und dieser Erfolg war so nachhaltig, dass die Houston Grand Opera rund zehn Jahre später eine Neuproduktion in Angriff nahm, die jetzt als Live-Mitschnitt vorliegt. Die europäischen Gralshüter der zeitgenössischen Musik mögen über ihre transatlantischen Kollegen ob deren vermeintlicher Anbiederung an den Publikumsgeschmack die Nase rümpfen, bis sie krumm bleibt. Tatsache ist, dass die Opern von US-Komponisten vor vollen Häusern gespielt werden und es keinen Mangel an hochkarätigen Gesangsstars für die Hauptrollen gibt, weil diese für und nicht gegen die menschliche Stimme geschrieben sind.
Das trifft auch auf Jake Heggie und "Dead Man Walking" zu, ein bühnenwirksames Werk mit dankbaren Gesangspartien, die den Solisten (zumal der weiblichen Hauptdarstellerin) zwar einiges abverlangen, sie gleichzeitig aber in bestem Licht erscheinen lassen. Nach Susan Graham hat nun Joyce DiDonato die umfangreiche Rolle der Sister Helen Prejean übernommen und stellt erneut klar, dass sie auch außerhalb von Händel und Rossini Großartiges leistet. Philip Cutlip zeigt einen vielschichtigen Mörder, ebenso hart wie empfindsam, man verfolgt seine schon rein auf vokaler Ebene glaubhaft vermittelte innere Veränderung fasziniert. Als seine Mutter ist mit Frederica von Stade auch ein Mitglied der Uraufführungsbesetzung dabei, die Partie wurde damals speziell für sie geschrieben, mit ihr und in dieser Inszenierung hat sie sich von der Bühne verabschiedet. Und mit Patrick Summers steht zudem derjenige am Pult, der das Werk vor zwölf Jahren aus der Taufe gehoben hat.

Michael Blümke, 05.05.2012



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